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Magdalena Mirwald

Weltacker Blog: Insektensterben

Insektensterben Weltacker

Das Podium von links nach rechts: Anton Hofreiter, Benedikt Haerlin (Moderation), Prof. Dr. Thomas Schmitt, Norbert Lemken (Foto: M. Mirwald)

Wer hat Schuld am Insektensterben? Wie sicher sind überhaupt die Beweise und was kann dagegen getan werden? Diese wichtigen Fragen wurden am Montag, den 18.09.2017 auf dem Weltacker diskutiert. Zum Ackertalk geladen waren prominente Gäste: die (Grünen-)Politik wurde von Anton Hofreiter, Bundestagsabgeordneter für Bündnis90/Die Grünen und seit 2013 zusammen mit Katrin Göring-Eckardt Fraktionsvorsitzender, vertreten. Er ist selbst promovierter Biologe und daher mit dem Thema gut vertraut. Die aktive Wissenschaft war durch Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts und Universitätsprofessor für Entomologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg präsent. Um das Thema in seiner Vielfalt zu beleuchten und nicht nur ähnliche Standpunkte zu versammeln, war Norbert Lemken in seiner Funktion als Director Agricultural Policy der Bayer Crop-Science vertreten. Dr. Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband musste sich leider wegen persönlicher Gründe entschuldigen.

Insektensterben Weltacker

Das Fräulein Brehms begeisterte vor dem Talk die zahlreichen Anwesenden mit ihrem Theaterstück zur wilden Biene Hymenoptera (Foto: M. Mirwald)

Fräulein Brehms und die wilden Bienen

Bevor allerdings engagiert diskutiert wurde, gab es eine künstlerische Einführung in das Thema Wildbienen von Fräulein Brehms Tierleben. Ihr wissenschaftlich fundiertes Theaterstück „Hymenoptera – Die wilden Bienen“ stellte einige der genau 19.844 heute beschriebenen Wildbienenarten vor. So hat die Kuckucksbiene etwa keine eigenen Taschen, und muss deshalb ihre Brut anderen Bienen unterschieben – mit katastrophalen Folgen für deren Nachkommen. Die Hummel – mit dem klangvollen lateinischen Namen Bombus – ist auch eine Biene. Wie Wildbienen leben sie solitär und bilden keine Insektenstaaten. Sie sind in ihrer Wohnform sehr unterschiedlich, es unterscheiden sich u.a. Insektenbrüter, die in leeren, ganz speziellen Schneckenhäusern brüten, Bodenbrüter oder Sandbrüter. Geht die Brutstätte verloren, geht auch die gesamte Wildbienenart verloren.

Insektensterben Weltacker

Jeder kann seinen Standpunkt klarmachen – nicht immer stimmen die Meinungen überein! (Foto: M. Mirwald)

Ursachen des Insektensterbens

Zu Beginn der Diskussion konnte jeder Redner seinen Standpunkt klarmachen. Prof. Schmitt gab einen Überblick über die erschreckende Situation der Insekten: 1/3 der Arten sind seit dem 19. Jahrhundert nachweislich schon verschwunden. Die Aussterbewelle begann Ende der 70er Jahre und hält bis jetzt an, wie viele Exemplare der einzelnen Arten es noch gibt kann aber schwerlich gesagt werden, da verlässliche Schätzungen oder Datenerhebungen fehlen. Sicher ist allerdings ein massiver Biomasseverlust: in wissenschaftlichen Kreisen ist von 50-80 % weniger Insekten die Rede. Das ist ein großes Problem, da Insekten Teil der Nahrungskette sind und durch den Rückgang auch andere Tiere, etwa Vögel auszusterben drohen. Oft sind die Insekten auch Nützlinge, von denen der Mensch profitiert. Bienen, die für uns den Großteil der (Nutz-) Pflanzenbestäubung übernehmen, sind hier das prominenteste Beispiel. Für das Sterben nennt er mehrere Gründe:

    • Höhere Produktivität. Durch die intensive Nutzung der Felder können sich Insekten nicht ansiedeln oder ihr Rhythmus wird durch die beschleunigte Landwirtschaft gestört. Die Nutzung der Felder ändert auch die dortigen Pflanzen in Art und Quantität und damit die Grundlage der Insektenpopulation.
    • Stickstoffemission. Durch die vielen Stickoxide in der Luft werden letzten Endes auch die Böden gedüngt, stickstoffarme Landschaften und ihre Bewohner gehen verloren.
    • Klimawandel. Die höheren Temperaturen und damit einhergehender vermehrter Niederschlag verändert die Zyklen des Pflanzenwachstums und ändert die Artengemeinschaft

Es gäbe, so Schmitt, viele verschiede Gründe, wobei man keinen als ‚den wahren Schuldigen‘ herausstellen könne.

Insektensterben Weltacker

Der Ackertalk lockte bei guten Wetter zahlreiche Besucher auf den Weltacker (Foto: M. Mirwald)

Norbert Lemken von Bayer Crop-Science hatte die schwierige Aufgabe sein Unternehmen und die Agrarindustrie im breiteren Sinn auf einem biologisch bestellten Acker und vor sehr kritischem Publikum zu vertreten. Bayer Crop Science verkauft Pflanzenschutzmittel, also Herbizide, Insektizide und Fungizide, zudem auch Saatgut und technische Lösungen.
Er wies zu Beginn darauf hin, dass Bayer intensiv mit etymologischen Instituten zusammenarbeitet, um Ursache, Ausmaß und regionale Verteilung des Rückgangs – von einem Sterben will Bayer nicht sprechen – zu ergründen. Er hält nichts von engstirnigen Schuldzuweisungen an Landwirte, sondern sieht vor allem die breite Bevölkerung in der Verantwortung. Durch die Preispolitik bei Lebensmitteln seien die Landwirte dazu gezwungen, am absoluten Produktionsmaximum zu produzieren, was eben keine Rücksichtnahme auf Insekten bedeutet. Für Lemken ist der Dialog und das Zusammenwirken von konventioneller-, biologischer Landwirtschaft und Umweltschutz entscheidend für die Lösung des Problems und die Weiterentwicklung der Landwirtschaft.

Was tun gegen Insektensterben?

Für Anton Hofreiter zeigen alle Indizien auf ein Biomassesterben und auf ein globales Problem. Anschaulich beschrieb er die Artenvielfalt als ein dicht gewebtes Netz, das auch uns Menschen trägt. Mit jeder Ausgestorbenen Art scheiden wir einen Knoten des Netzes heraus, bis es irgendwann reißt. Das Insektensterben ist in seinen Augen ebenso bedrohlich wie die Klimakrise, allerdings viel weniger bekannt. Als waschechter Politiker erzählt er allerdings nicht nur von den Problemen, sondern hat auch Lösungen anzubieten. So rät er dazu,

  • Naturwaldinseln, also völlig allein gelassene Landschaften für den Erhalt der natürlichen Artenzusammensetzung einzurichten.
  • Den Dieselskandal zu beenden und Stickoxide in der Luft, und damit die Überdüngung, zu verringern.
  • Stoffe wie Neonikotinoide, bei denen ein fundierter Verdacht auf negative Insektenwirkung besteht, zu verbieten.
  • Eine Umstellung auf mehr modernen ökologischen Landbau in Deutschland zu forcieren, da die heutige Nachfrage das Angebot bereits bei weitem übersteigt.

In der folgenden moderierten Diskussion wurde klar, dass auch die notwendigerweise intensive Bio-Landwirtschaft nicht gegen jede Kritik gefeit ist. So werden auch hier Fungizide eingesetzt, die sich aber durch ihren Kupfergehalt im Boden einlagern. Auch im Bio-Bereich sind Innovationen vonnöten, allerdings kommt er ohne die gefährlichen Totalherbizide aus, die den Acker komplett „sauber halten“. Solche Stoffe gehören auch ins Sortiment von Bayer Crop-Science. Lemken betonte daraufhin den hohen Stellenwert von integriertem Pflanzenschutz, also dem bedarfsorientierten Einsatz von Pestiziden nach vorheriger Prüfung.

Insektensterben Weltacker

Wer hat Schuld am Insektensterben? Von einem ‚Sterben‘ möchte Norbert Lemken von Bayer Crop-Science nicht sprechen (Foto: M. Mirwald)

Da die intensive Landwirtschaft heute unausweichlich ist, kam die Frage nach der Vereinbarkeit mit dem Artenschutz auf. Hier sieht Hofreiter vor allem Totalschutzinseln und subventionierte, althergebracht bewirtschaftete Flächen als Lösung, kombiniert mit einer möglichst verträglich gestalteten Nutzung der Intensivflächen. Prof. Schmitt wies darauf hin, die Begriffe Natur-, Arten-, Biotop- und Umweltschutz nicht leichtfertig zu vermischen, da sie alle unterschiedliche Bedeutungen innehaben. Er plädiert für den Erhalt von Kulturlandschaften, die durch jahrhundertelange Bewirtschaftung entstanden sind, deren Pflege sich heute aber finanziell nicht mehr lohnt. Zwar sind sie nicht genuin natürlich, aber Heimat vieler einzigartiger Artengemeinschaften.

Technische Lösungen oder Totalverbote?

Lemken bemerkte, dass das Artensterben schon vor der Etablierung einiger heute in der Kritik stehender Produkte begonnen hätte. Er setzt auf technische Lösungen wie Jäte-Maschinen, die einen Teil der chemischen Produkte ersetzen könnten. Ein anderes Bewusstsein der konsumierenden Bevölkerung sei unumgänglich, zudem müsse die Verteilungsgerechtigkeit ein globales Ziel sein. 1/3 der produzierten Lebensmittel landen heute auf dem Müll, hier sei ein enormes Einsparungspotenzial vorhanden. Hofreiter entgegnete hierauf, dass vor allem eine Stärkung von traditionell wirtschaftenden Kleinbauern weltweit den Hunger am effektivsten bekämpfe und auch zur Stärkung der politischen Stabilität wie zur Biodiversität beitrugen. Positive Effekte, welche die (auch von Bayer betriebene) Hybridzüchtung und Pestizidforschung nicht mit sich brächte.

Insektensterben Weltacker

Kritische Fragen aus dem Publikum etwa zu Biogasanlagen oder Glyphosat durften nicht fehlen (Foto: M. Mirwald)

Insektenschutz konkret – das Publikum fragt nach

Auch auf Fragen aus dem Publikum wurde ausgiebig eingegangen. Toni Hofreiter erläuterte, dass er die über 50 Mrd. € umfassenden EU-Agrarmittel lieber über Qualitäts- als über das reine Flächenkriterium verteilt sehen würde. So könnte besser auf Tier- und Artenschutz eingegangen werden. Er gestand auch  – unter Lob von allen Seiten – ein, dass bei der Etablierung der Energiewende Fehler begangen worden seien. Der großflächige Maisanbau zur Biogasverwertung in Brandenburg sei nicht im Sinne der Energiewende, hier versäume die Politik, ihre begangenen Fehler zu bereinigen.

Lemken musste sich ob des Begriffs „Pflanzenschutzmittel“ für Totalherbizide wie Glyphosat rechtfertigen. Das Mittel schütze schließlich die Nutzpflanze, so Lemken, außerdem habe ein bedachter Einsatz solcher Mittel auch bodenschonende Wirkung. Werden nach der Zwischenfrucht Unkräuter abgetötet, so lasse sich das bodenschädigende Pflügen einsparen. Diese Ansicht wurde allerdings vom anwesenden Publikum kaum geteilt.

Abschließend waren sich die Diskutanten einig, dass das Thema Insektensterben sehr komplex ist. Spricht man über Insektensterben, kommt man kurz oder lang auf Welthunger, Bodenproblematik oder EU-Agrarpolitik zu sprechen. Prof. Schmitt plädierte jetzt schnell zu handeln, bevor es zu spät sei. Lemken sieht die Landwirtschaft und auch die Agrarindustrie auf einer Reise, die ständige Veränderungen im Rahmen des Dialogs mit sich bringe. Hofreiter forderte eine andere Landwirtschafspolitik, da die Landwirtschaft, wenn auch nicht einzig dafür verantwortlich, ob der großen Flächen doch über eine große Verantwortung verfüge. Dies, zusammen mit einer anderen Verkehrswege-, Forst und Stadtgestaltung, könne das Problem eindämmen.

Nach dieser spannenden, in Teilen auch kontroversen Diskussion ließen viele Anwesende den lauen Septemberabend bei Suppe, Tee und guten Gesprächen ausklingen. Wir bedanken uns für das spannende Gespräch und freuen uns auf den nächsten Ackertalk!

Insektensterben Weltacker

Tee und Suppe – auf dem Weltacker ist man gegen Hunger und Kälte gewappnet! (Foto: M. Mirwald)