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Verena

Ackertalk: Hinein in den Boden

Unser erster Ackertalk auf dem Weltacker drehte sich um etwas, was oft als selbstverständlich gilt, aber dringend unsere Aufmerksamkeit und Einsatzkraft benötigt: der Boden. Das fachkundige Podium beleuchtete das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, war sich aber einig: Für den Schutz von Böden muss zivilgesellschaftlich und vor allem politisch viel mehr getan werden!

Foto: Steffi Doll, 2000m²

Professorin Monika Frielinghaus vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) betonte die große Diskrepanz zwischen der Relevanz von und dem gesellschaftlichen Wissen über Boden. Die geringe Wertschätzung stehe im Kontrast zu der intensiven Beziehung zur Mutter Erde in der menschlichen Geschichte. Als eine Initiative für mehr Bodenbewusstsein stellte sie die Aktion „Boden des Jahres“ vor, welche jährlich einen Boden in den Mittelpunkt stellt. 2017 ist es der Gartenboden Hortisol. Er ist durch intensive kleinräumliche Kultivierung ganz besonders fruchtbar, aber oft auch hochgradig kontaminiert – Glyphosat gehört auch in Hobbygärten oft noch zur Grundausstattung, von Schwermetallen in den Städten ganz abgesehen. 

Bei Martin Kaupenjohann vom Fachgebiet Bodenkunde der TU drehte sich alles um Stickstoff. Der menschliche Einfluss auf den Stickstoffhaushalt sei gravierend. Während Kohlenstoff durch den Klimawandel als Problemkind erkannt wurde, werde die Thematik Stickstoff völlig unterschätzt.

Foto: Steffi Doll, 2000m²

Ein Aspekt des Problems, die Verunreinigung von Grundwasser durch Nitrat, steht aktuell im Fokus der Öffentlichkeit. Martin Kaupenjohann machte aber deutlich, dass eine Diskussion über Symptome die Grundsatzfrage nach dem Maß des menschlichen Eingriffes ins Ökosystem nicht ersetzen kann. Wir kennen nur einen Bruchteil dieses hochkomplexen Systems. Eine verläßliche Kontrolle der Auswirkungen sei bei dem heutigen Ausmaß des Stickstoff-Einsatzes eine Illusion. Die einzig logische Konsequenz sei eine drastische Reduktion der ausgebrachten Mengen an synthetischem Nitratdünger. Mit dieser These ist Professor Kaupenjohann nicht alleine: WissenschaftlerInnen des Stockholm Resilience Centre empfahlen schon 2009 in ihrem Papier über die Belastungsgrenzen des Planeten eine Halbierung. Dies sei nicht nur für den Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit entscheidend, sondern auch für das gesamtökologische Gleichgewicht.

Birgit Wilhelm vom WWF führte den Blick auf eine ganz zentrale Gruppe unter den Landwirten: Regenwürmer. Sie lockern den Boden, erhöhen seine Wasserspeicherkapazität und produzieren hochwertigen Humus. Auf 1m² Ackerland können bis zu 450 Regenwürmer leben, meist sind es aber viel weniger – auf stark beanspruchten Böden nur 30 oder noch weniger. Bodenverdichtung als Folge der starken Mechanisierung der Landwirtschaft, Überdüngung, Pestizideinsatz und „Futtermangel“ durch zu wenig altes Pflanzenmaterial setzen die Humuskünstler zunehmend unter Druck. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft muss es ihren kleinen Mitarbeitern auf dem Acker wieder wohnlich machen fordert ihr Regenwurm-Manifest.

Foto: Steffi Doll, 2000m²

Mit Humus beschäftigt sich auch Ute Scheub („Die Humusrevolution“). Sie verwies auf die Schnittstelle zum Klimawandel. Steigt der Humusaufbau in landwirtschaftlichen Böden jährlich nur um 4 Promille, so kann genug Kohlenstoff gebunden werden um den CO2-Gehalt in der Atmosphäre auf ein akzeptables Level zu bringen. Aber Ute Scheub warnte auch vor zu verkürzten Darstellungen: Die Humusrevolution ist mehr als Kohlenstoffbindung! Bei der Bodenfrage gehe es um einen grundsätzlichen Wandel der Agrarproduktion hin zu einer Regenerativen Landwirtschaft, die auch den Stickstoff – und Wasserhaushalt wieder in Einklang bringt und die Biodiversität erhält. Es gebe enormes Handlungspotential etwa bei Themen wie Weidemanagement, minimale Bodenbearbeitung, Kompostwirtschaft oder Wasserrückhaltemethoden –selbst stark vom Menschen beschädigte Landschaften und sogar Wüsten könnten so regeneriert werden.

Das Publikum beschäftigte in der Diskussion vor allem eins: Wie kriegen wir den Boden in 80 Millionen deutschen Köpfe (oder die 80 Millionen Köpfe in den Boden?). Das öffentliche Interesse nehme zu, aber: Immer noch gibt es einen erheblichen Mangel an Wissen und Problembewusstsein. Politische Stellschrauben werden nur sehr zögerlich gedreht. Gerade vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wurde deutlich mehr Einsatz für den Boden gefordert.

Foto: Steffi Doll, 2000m²

Die zunehmende Versiegelung von wertvollem Acker und Grünland wurde als zentrales Problemfeld genannt. Hier ist zuerst auch die Bezirkspolitik gefragt. Sabine Hilbert vom Referat für Bodenschutz der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz konnte aus der behördlichen Praxis berichten. Derzeit würden Ausgleichsmaßnahmen oft nur aus naturschutzfachlicher, nicht aber aus bodenschutzfachlicher Perspektive durchgeführt. Grund dafür sei meist nicht Widerwille, vielmehr gebe es ein Ausbildungsproblem. Die Relevanz von Bodenaspekten beim Thema Bebauung und Ausgleich würde aber derzeit steigen. Durch verbesserte Bodenschutzgesetze könnte dies weiter vorangebracht werden.  

Anja Carsten und Julia Seidel von hubus konnten die handlungshungrigen BesucherInnen des Ackertalks zum Abschluss noch mit ganz konkreten Ideen bereichern: Sie präsentierten die Wurmkompost-Bank auf dem Weltacker. Die Vision: Solche Systeme sollten in der ganzen Stadt stehen, z.B. in Schulen, aber auch in privaten Haushalten. So landet kein wertvoller pflanzlicher Abfall nutzlos im Restmüll. Gerade arbeiten sie an einer Tauschbörse, durch die gartenlose HumusproduzentInnen ihr schwarzes Gold sinnvoll an urbane GärtnerInnen und andere Humusinteressierte weitergeben können. Geschlossene Kreisläufe sind möglich – auch in einer Großstadt wie Berlin!

Foto: Steffi Doll, 2000m²

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