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Publikumspreis: Catrin May – Acker für die Welt – aus dem Leben einer Knolle

Stress! Innerlich fühle ich mich verdorrt. Brauche Wasser! Feucht. Leicht salzig. Erfrischend. Seit Tagen bin ich hier. Einsam. Durstig. Ich will weinen, mich meiner Verzweiflung und meiner Wut hingeben. Tränenlos. Kraftlos. Ihr Menschen scheint vergessen zu haben wie man ein Feld bestellt und uns umsorgt. Stattdessen wisst ihr wie man Lebensmittel mittels chemischer Prozesse herstellt. Vegetarisch heißt nicht mehr, dass es „veggi“ ist. Vegetable. Gemüse. Es bedeutet, dass keine tierischen Produkte enthalten sind und teilweise mithilfe künstlicher Stoffe fleischfreie Nahrungsmittel geschaffen werden. Unverständnis.  Wut. „Belva, was sagst du dazu dass wir hier allein gelassen werden?“ Keine Antwort. Mir läuft ein Schauer durch jeden Wurzelstrang. „Belva?!“ Meine Stimme krächzt. Belvas Körper hat an Masse verloren. Eingefallen. Schrumpelig. Ihre Blätter haben an Farbe verloren, sind nicht mehr satt grün, eher gelblich. Ich will keine Maniokpflanze mehr sein! Ich will noch nicht sterben! Wachsen ist mein Ziel, achtsam zubereitet und gegessen werden. Mit Genuss. Sinnhaft. Aber vorher brauche ich Wasser! Neulich hörte ich Bauer Leandro zu seinem Sohn sagen: „Wenn das so weiter geht, dann werden wir auch diesen Acker verlieren. Früher war es nicht so warm zu dieser Jahreszeit, da hat unser Wasservorrat aus dem Brunnen gereicht um das Feld zu bestellen. Die Erde trocknet aus und die Wasserpreise steigen“. Der Bauernjunge ließ seinen Kopf hängen. Sachte streichelte er mit seiner Hand an meinen Blättern entlang, seufzte tief und drückte ein „Das habt ihr nicht verdient“ heraus. Eine stattliche Knolle wollte ich immer werden. Den Tieren die sich an meinen Wurzeln vergingen, habe ich gezeigt, was in mir steckt. Meine Blausäure hat so manch ein Insekt zum ewigen Schlaf verdammt. Ich habe aber auch heilende Kräfte. Ich bin stark im doppelten Sinn. Ich bin widerstandsfähig und verfüge über mehr Stärke als Mais. Ich bin ein Sattmacher und meine Zubereitung ist einfach. „Knolle gründlich waschen, schälen, teilen, Mittelstrebe herauslösen, kochen, schneiden und anschließend mit gesalzener Butter bestreichen“, erklärte Bauer Leandro seinem Sohn auf einem ihrer Feldgänge. Ich konnte sehen, wie dem Jungen das Wasser im Mund zusammenlief. Das ganze Jahr über kann man uns essen und hohe Erträge mit wenig Aufwand erlangen. Stellt euch nur vor, ich bin bereits 2 Jahre alt und verweile in der Erde ohne zu verderben. Das soll mir mal ein anderes Gemüse nachmachen. „Essen bedeutet Leidenschaft, welches jedoch Leiden schafft, wenn man mehr auf Masse als auf Qualität achtet!“ Das sagte Bauer Leandro stets zu seinem Sohn. Ich bin zwar nur eine Knolle und doch weiß ich, dass sich nicht jeder Mensch Essen als Life-Style-Produkt leisten kann. Aber eins ist klar: Ihr Menschenkinder habt Verantwortung! Die Art der Erzeugung und der Umgang mit Lebensmitteln wirken sich auf alle Erdbewohner aus. Also denkt daran was ihr esst, wer ihr seid und wie ihr sein wollt!