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Boden – Die Wildnis im Verborgenen

Ein Tusch für den Lebensraum der Kugelspringer, Pilze, Bärtierchen, Rädertiere, Wurzelfüßler, Hornmilben, Faden-, Borsten- und Regenwürmer, Wimpertierchen, Asseln, Spinnen, Schnecke, Hamster und Maulwürfe und von Billionen weiteren Lebewesen! Der Boden unter unseren Füssen ist es, der uns alle nährt und schließlich wieder aufnimmt in den grossen Kreislauf des Werdens und Vergehens

Das grosse Bodenpanorama auf dem Weltacker von Annika Huskamp

Nicht nur wir Laien, auch die Wissenschaftler*innen wissen noch immer erstaunlich wenig über Böden. Doch was wir aber wissen, dürfen wir nicht ignorieren. Böden sind überlebenswichtig. Sie ermöglichen Leben und Wachstum, sauberes Wasser, gutes Klima, langfristige Speicherung von Informationen, die Pufferung und Umwandlung von Stoffen. Sie ernähren nicht nur uns, sondern alle landbasierten Mitgeschöpfe, sie sind die lebendige Haut der Erde.

Wieso also lassen wir zu, dass ein Viertel der Böden Europas buchstäblich von Ver-Wüstung bedroht ist, dass ebenfalls fast ein Viertel durch Erosion abgetragen wird und dabei die Oberböden ihren wertvollen Humus verlieren, dass die geheimnisvollen Moore, die enorme Mengen Kohlenstoff speichern solange sie nass bleiben, trockengelegt werden? Viele Böden sind schon zu verschmutzt, versalzen oder versiegelt, um auf ihnen noch Lebensmittel anzubauen. 70 Prozent der Ackerböden werden von nur einem Prozent aller Landwirt*innen dieser Erde bewirtschaftet… Fakten, Fragen und Unglaublichkeiten.

Kohlenstoff in Deutschlands Böden
Der Kohlenstoffgehalt in Deutschlands Böden (oberste 30 cm) (c) Thünen-Institut

So langsam wie sich die Bodenkrume aufbaut, so langsam wie sich unwiederbringliche Schäden einstellen, so langsam scheint sich auch unser Bewusstsein für das Drama zu entwickeln, das sich unter unseren Füssen abspielt. Ist doch nur Dreck – bis er dann weg ist und mit ihm das ganze Netz des Lebens, dem er diente. Boden hat leider keinen besonders hohen Kuschelfaktor, dafür ist er umso systemrelevanter.

Milben (hier einige Prostigmata) gehören zu den häufigsten Bodenlebewesen
(c) EU Kommission https://esdac.jrc.ec.europa.eu/content/atlas-soil-biodiversity

Derzeit haben wir die Möglichkeit den Boden ein wenig höher auf die politische Agenda zu setzen. Nur wenige Länder der EU haben bisher ein Bodenschutzgesetz. Deutschland hat eines und war deshalb der Meinung, dass Europa keines braucht. Die 2006 von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Bodenrahmenrichtlinie zur Regelung des Bodenschutzes scheiterte vor allem an der deutschen Bundesregierung. 2014 wurde der Vorschlag zurückgezogen, weil keine Einigung zwischen den Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament erzielt werden konnte.

Europäische Mühlen

Jetzt sieht die 2015 gegründete Expert*innengruppe für Bodenschutz der EU eine neue Chance: In Rahmen der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 wird derzeit die „Strategie zur Bekämpfung der Bodenverschlechterung und zur Erhaltung der Bodenressourcen“ aktualisiert.

Hier können Sie sowohl die Initiative „Healthy soils – new EU soil strategy“ nachlesen als auch die 228 Kommentare, die dazu vornehmlich aus akademischen Kreisen kamen. Wann daraus Taten folgen ist noch nicht wirklich abzusehen. Der Bodenschutz hat bei Politiker*innen derzeit vor allem deshalb und dann eine Chance, wenn er sich als Klimaschutzmaßnahmen präsentieren läßt. Die Europäische Umweltagentur EEA hat eine gute Datensammlung zum Zustand der Böden einschließlich ihres Kohlenstoffgehalts. Entscheidend hierfür sind vor allem die Moore, die in Deutschland etwa 7% der Agrarflächen ausmachen. In anderen Regionen der EU sehr viel mehr.

Der Kohlenstoffgehalt von Europas Böden – je nördlicher und feuchter desto mehr (c) EU Kommission

Mehr finden Sie Boden in einem gemeinsamen Boden-Manifest, an dessen Entwicklung wir uns in einer Arbeitsgruppe von Landwirt*innen, Wissenschaftler*innen und NGOs seit Jahren beteiligt haben.

Hier ein paar grundsätzliche Ziele und Anregungen:

  • Boden ist vielfältig und bedarf vielfältiger Formen des Schutzes
  • Pestizid- und Düngereinsatz müssen verringert werden, damit der Boden ein gesunder Lebensraum bleibt
  • Fruchtfolgen, Gehölze, ganzheitliche Weidestrukturen und maximale Diversität auf den Äckern muss zum Standard werden
  • Eine regenerative und Boden aufbauende Landwirtschaft muß grossflächig gefördert werden, um ein stabiles Klima und pulsierende Biodiversität zu erhalten
  • Kleinteilige Strukturen müssen gefördert werden
  • Zugang zu Land muss möglichst vielen, gerade auch jungen Landwirt*innen und Gärtner*innen möglich sein
  • Boden ist ein Gemeingut und darf nicht der Finanzspekulation dienen
  • Wir müssen mehr Böden entsiegeln als zugebaut werden
  • Böden müssen ganzheitlich als Lebenssysteme betrachtet werden und nicht allein nach Ertragsmaximierung oder auch reiner Kohlenstoffspeicherung
  • Die gemeinsame Agrarpolitik der EU muss den Schutz und die Fruchtbarkeit von Böden, ihre Wasser-, Klima- und Vielfaltsfunktionen an erste Stelle setzen und entsprechend fördern
Ein kleine Auswahl von Bodenlebewesen aus dem Soil-Atlas der EU
https://esdac.jrc.ec.europa.eu/content/atlas-soil-biodiversity

Hier noch ein paar weiterführende Publikationen:

Atlas of Soil Biodiversity der EU Kommission zu freien Download

Landwirtschaftsministerium: Forschungsfelder – Thema Boden

Thuenen-Institut: Bodenzustandsbericht – eine erste systematische Erfassung von Deutschlands Böden (2019)

Nikola Patzel im Auftrag des WWF: Das Regenwurm-Manifest

Die Bodenseite von Demeter

UBA, BUND, WWF, Zukunftsstiftung Landwirtschaft u.a. Boden und Biodiversität – Forderungen an die Politik