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Der Umbau der Ernährung hat begonnen

„Weiter wie bisher ist keine Option“ lautete 2009 der Weckruf der umfassendsten Bestandsaufnahme der globalen Landwirtschaft, des Weltagrarberichtes der UNO. Jetzt bilanzieren 40 seiner 400 Autor*innen in „Transformation of our Food Systems – the making of a paradigm shift“ die Entwicklung des letzten Jahrzehnts: traurig und ermutigend zugleich.

Ten years after

Die zentralen Botschaften des Weltagrarberichts waren ein breiter und mühsam erarbeiteter Konsens unter den beteiligten Wissenschaftler*innen. Doch in Kreisen der Industrie, vieler UN-Institutionen, Ministerien, großer Bauernverbände und der etablierten Agrarforschung galten sie als „ideologisch“, wie sich die damalige Landwirtschaftsministerin Aigner ausdrückte. Dass es statt stetigen Wachstums der Betriebe in erster Linie auf die Kleinbäuerinnen und ihre Männer ankommt, wenn wir uns künftig gerecht, gesund und nachhaltig ernähren wollen, mochte die Generation „Wachse oder Weiche“ nicht akzeptieren. Dass nicht die blinde Steigerung der Agrarproduktion den Hunger überwindet, sondern die gezielte Ertragssicherung und –steigerung der Lebensmittelproduktion, war eine Provokation für die Freunde der chemischen Landwirtschaft. Dass wir die ganzen Ernährungs-Systeme betrachten, optimieren und verändern müssen und nicht nur die Landwirtschaft, galt als rein akademische Spitzfindigkeit. Agrarökologie und Ernährungssouveränität waren Fremdworte in den Agrarfakultäten der meisten Universitäten. Dass die sogenannten Ökosystemdienstleistungen der Landwirtschaft für das Überleben der Menschheit ebenso wichtig sind wie ihre Nahrungsmittelproduktion selbst, galt Landwirten und ihren Verbänden zumindest als Übertreibung.

Paradigmenwechsel

Ein Jahrzehnt später haben sich all diese Erkenntnisse auf breiter Front durchgesetzt oder sind zumindest dabei, dies zu tun. Insofern können wir wirklich von einem weltweiten Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft sprechen, der nicht mehr rückgängig zu machen ist: Über die neuen und dringlichen Herausforderungen und Fragen besteht wachsende Einigkeit. Dieser Tage lässt sich dies auf einer Vielzahl von Online-Veranstaltungen rund um den Welternährungstag am 16. Oktober gut betrachten: Die Transformation der Ernährungssysteme ist buchstäblich in aller Munde. Im kommenden Jahr soll ihr ein eigener UN-Gipfel gewidmet werden, der von Kräften finanziert und organisiert wird, die keineswegs für ihre Liebe zu Gerechtigkeit, Ökologie und den Respekt vor Menschenrechten berühmt sind.

Öko-Technokratie oder Agrarökologie

Welche Antworten auf die gemeinsamen Fragen und welche Art Transformation sich in den nächsten Jahren durchsetzen werden, ist also noch lange nicht ausgemacht. Manche sehen in der Digitalisierung und neuen Biotechnologien schon die Lösung und hoffen, diese weiterhin in ihrem „geistigen Eigentum“ und den alten Macht- und Vertriebssystemen durchsetzen zu können. Doch die mit Abstand umfassendste und ganzheitliche Antwort ist das agrarökologische Konzept. Es integriert zwar ebenfalls neue Technologien. Doch es beruht auf gemeinsamen Prinzipien der Anpassung an die natürlichen Kreisläufe und ihre Grenzen des Wachstums. Und es verbindet neue Anbau-, Verarbeitungs- und Vertriebssysteme mit sozialen und kulturellen Werten und Visionen. Sie beginen in lebenswerten Gemeinden und Gemeinschaften und enden bei Wirtschaftsweisen, die mehr auf Kooperation als Konkurrenz und auf der gemeinsamen Gestaltung von Landschaften und regionalen Ökonomien beruhen.

Das ist nicht der Verdienst des Weltagrarberichts. Aber er hat die Agrarökologie erstmals in etablierten Kreisen „hoffähig“ gemacht und mit dem Konzept der Ernährungssouveränität – sprich Demokratie – verbunden. Er war damit der erste einer ganzen Reihe von internationalen wissenschaftlichen und politischen Verständigungsprozessen und Berichten. Das jetzt erschienene Buch zeichnet aus der Sicht daran maßgeblich beteiligter Autor*innen und Organisator*innen 13 derartige Stationen nach: vom Zukunftsbericht der europäischen Agrarministerien 2011 über die Nachhaltigkeitsziele der UNO 2015 und die UN-Erklärung der bäuerlichen Rechte bis hin zu den epochalen Berichten zum Verlust der Artenvielfalt (IPBES) und der Analyse des Klimabeitrags der Landwirtschaft durch den Weltklimarat (IPCC) und dem ersten Bericht der Welternährungsorganisation FAO zur Agrarökologie. Diese Beiträge bieten einen Überblick über die globale Agrardiskussion. Sie erlauben auch einen Blick hinter die Kulissen dieser internationalen Verständigungsprozesse.

Zehn verlorene Jahre

Die bittere Seite zu dieser Erfolgsgeschichte ist freilich, dass das vergangene Jahrzehnt mehr landwirtschaftlichen Raubbau an der Natur und ihren Ressourcen getrieben hat als jedes Jahrzehnt vor ihm. Hinzu kommen die Landflucht, die die Jugend in die Megastädte treibt, die Erosion ländlicher Gemeinden und Kulturen, an der Bürgerkriege und Migration einen enormen Anteil haben und schließlich die Unter-, Über- und Fehlernährung, die heute die Gesundheit von mehr Erdenbürger*innen als je zuvor angreift und beeinträchtigt. Es sind Schandflecke der nach wie vor dominierenden chemisch-industriellen Landwirtschaft und Ernährungsindustrie, der Rücksichtslosigkeit des Welthandels und der ihn beherrschenden Konzerne; aber auch der Ignoranz und Unfähigkeit der Politik, die von städtischen Oberschichten geprägt wird. 15 Updates zu all diesen Aspekten bieten eine hervorragende Übersicht zu all diesen Aspekten vom Innovationswahn der Wissenschaft, der die zentralen und wirklichen Probleme schlicht ignoriertüber die atemberaubend voranschreitende Konzentration des Eigentums und der Kontrolle in allen Industriezweigen der Ernährung und des Handels bis zur Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen, dem Stand der Agro-Gentechnik und der Digitalisierung der Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit.

Der Fluch industriell-chemischer Landwirtschaft: Der Preis der Lebensmittel hängt am Ölpreis

Abgerundet wird dies von 13 Infografiken, die wesentliche Entwicklungstendenzen in unseren Ernährungssystemen zwischen 2009 und 2019 darstellen: Die steigende Zahl der Hungernden und der Adipösen, der Kalorien und des Fleischkonsums, der Landaufkäufe und der Gleichklang des Ölpreises mit den Lebensmittelpreisen.

Der Umbau hat längst begonnen

Schließlich widmen sich drei Artikel den Tausenden von Erfolgsgeschichten der tatsächlichen Umgestaltung, der Heilung und der Überwindung des Stillstandes durch biologische und agrarökologische Innovationen auf lokaler und regionaler Ebene, dem Siegeszug von frauengeführten Kooperativen und Selbsthilfeorganisationen auf dem Lande aber auch in den Städten und den Ergebnissen der direkten Zusammenarbeit von Produzenten und Konsumenten.

„Transformation of our Food Systems – the making of a paradigm shift“ ist ein Nachschlagewerk, Werkzeug- und Schatzkasten für alle, die praktisch, politisch und wissenschaftlich den nachhaltigen Umbau unserer Ernährungssysteme vorantreiben. Leider ist das Buch bisher nur auf Englisch erhältlich. Dafür können Sie es hier kostenlos herunterladen oder auch online lesen und durchsuchen. Auch auf Deutsch verfügbar sind die acht zentralen Botschaften, die von Li Lim Ching, Marcia Ishii-Eitemann und Ivette Perfecto im Namen aller Herausgeber*innen zusammengefasst wurden. Alles Weitere finden Sie auf unserer Partnerseite www.weltagrarbericht.de

Der Autor, Benny Haerlin, hat das Buch zusammen mit Hans Herren herausgegeben.