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Gerd Carlsson
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Lebendiger Boden als gemeinsame Basis von Landwirtschaft und Naturschutz

Das war die Überschrift einer spannenden Tagung, zu welcher der WWF im Oktober eingeladen hatte. Vorausgegangen war ein zweijähriger Dialog zwischen verschiedenen Menschen aus Landwirtschaft und Naturschutz, in dessen Verlauf ein Positionspapier erarbeitet wurde. Das klingt erst einmal unspektakulär, halte ich aber dennoch für bedeutsam, weil die Ausgangsbasis und Sichtweise der verschiedenen Akteure auf das Thema, unterschiedlicher nicht sein könnte. Hier wurde nicht von Standpunkten aus diskutiert, wie so oft in öffentlichen Debatten, sondern immer aus der Sicht einer gemeinsamen Zielsetzung. Das Ergebnis ist ein Grundkonsens, über alle weltanschaulichen Unterschiede hinweg, der sich sehen lassen kann. Es wurde der Bodenschutz als vorrangig gegenüber der Ausrichtung auf maximale Ertragsleistung anerkannt. Daraus ergeben sich Kernforderungen zur Entwicklung der Landwirtschaft:

  • Erhalt oder Zuwachs des Humusgehaltes, der Bodenstruktur, der Aktivität des Bodenlebens und der Bodensubstanz
  • ein Verbesserungsgebot des Bodens, am Ende einer Fruchtfolge darf der Bodenzustand nicht schlechter sein als am Ende der vorherigen
  • Wiedererlangung und Verbesserung der natürlichen Produktivität ökologisch an den Standort angepasster Boden-Pflanze-Systeme

In der Biolandwirtschaft selbstverständliches wird vor dem Hintergrund der Tastsache, dass der Boden oft nur noch als beliebig austauschbares Substrat angesehen wird, zu einer kleinen Revolution. Wie diese Forderungen konkret und flächendeckend umgesetzt werden können, darüber wird es noch viel zu diskutieren geben. Ein aus meiner Sicht sehr wichtiger Schritt, und auch darüber gab es einen Konsens, wäre eine flächengebundene Tierhaltung. Das heißt, es werden nur so viele Tiere in einem Betrieb gehalten, wie der Betrieb vom eigenen Acker ernähren kann, ohne Zukauf von Kraftfutter und schon gar nicht aus Übersee. Dafür braucht es natürlich auch genügend Menschen, die durch ihre Ernährungsgewohnheiten eine solche Landwirtschaft möglich machen. Das zeigt ganz deutlich, dass eine Ausrichtung der Landwirtschaft auf Boden und Naturschutz nicht von den Bauern allein getragen werden kann, sondern von der ganzen Gesellschaft mitgetragen werden muss: welchen Stellenwert hat für uns alle das Essen, welchen Stellenwert wollen wir sauberem Wasser geben und welchen Stellenwert vielseitigen, artenreichen Ökosystemen die Grundlage unseres Lebens sind? Wieviel ist uns ein lebendiger, fruchtbarer Boden wert, der auch denen die nach uns kommen noch als Grundlage ihres Lebens dienen kann?

Bodenuntersuchung auf dem Erdfest

Die Grundannahme des Positionspapiers ist „Eine Landwirtschaft, die intensiv mit Monokulturen oder engen Fruchtfolgen arbeitet, die stark chemisch und mechanisch in den Boden eingreift oder mit zu hohen Viehbesätzen je Hektar wirtschaftet, verringert die Mächtigkeit, Lebensvielfalt und natürliche Produktivität der ursprünglichen Böden. Es ist eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe, diese Abbauprozesse umzukehren und einen wirklich nachhaltigen Landbau zu gestalten.“ Genau darum geht es. Schön wäre, wenn wir in einen breiten gesellschaftlichen Dialog eintreten würden, jenseits ideologischer Grabenkämpfe und gengenseitiger Schuldzuweisungen gemeinsam nach Lösungen zu suchen für eine Landwirtschaft der Zukunft. Dazu gehört natürlich auch die Integration von Landwirtschaft und Naturschutz. Die Grenze an die solche Bemühungen schnell stoßen, hat ihren Ursprung vor allem in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem. In einem System, das auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, ist auf Dauer kein Platz für Naturschutz, jedenfalls nicht auf der ganzen Fläche. Es wäre sehr schlau von uns, auch hier in eine breite Debatte einzutreten, über ein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell. Bis jetzt sind in der Öffentlichkeit vor allem die ewig gleichen Sprüche gegenwärtig, es gäbe keine Alternative, aber die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft sind nicht vom lieben Gott persönlich erlassen und in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen. Es sind größtenteils Übereinkünfte und die kann man ändern, wenn es genügend Menschen gibt die das wollen. Denkansätze und Entwürfe dafür gibt es schon seit über hundert Jahren. Aber auch innerhalb des bestehenden Systems ist vieles möglich, welche Natur und wieviel davon in der Landwirtschaft geschützt werden soll und kann ist die Frage, die dafür geklärt werden muss.

 

Ein für mich ganz besonderer Punkt in dem Positionspapier ist ein Absatz mit der Überschrift „Die Frage der immateriellen Werte in der Landwirtschaft“. Hier bekommen Themen Raum, die in öffentlichen Debatten fast immer ausgeklammert werden, solche die vor allem von unseren Gefühlen bestimmt werden. Berühmte Texte, wie die Rede des Häuptlings Seattle, lange Zeit als Naturromantik belächelt, sollen wieder den Stellenwert bekommen den sie meines erachtens haben: Ausdruck tiefster Betroffenheit über den Zustand unserer Welt und Ausdruck einer intimen Verbindung zur Natur von der wir noch heute viel lernen können. Natürlich gibt es sehr viele verschiedene Weltbilder, die miteinander im Widerspruch stehen, aber das sollte uns nicht davon abhalten diese in eine Debatte mit einzubeziehen. Der Versuch, den Wert der Natur in ökonomischen Größen zu beschreiben, wie den volkswirtschaftlichen Wert der Bodenfunktion Wasserfilterung oder die Bestäubungsleistung der Insekten, kann nicht die ganze Antwort sein.

„Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig, in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes.“

Aus der Rede des Häuptlings Seattle, 1855  

Nun steht die Frage nach der praktischen Umsetzung all dessen im Raum; einfache, konsensfähige Lösungen sind nicht leicht zu haben, aber viele Pioniere haben es schon vorgemacht, Landwirtschaft, Naturschutz und Bodenschutz unter einen Hut zu bringen. Lasst uns einfach beginnen, jeder nach seinen Möglichkeiten. Ich beginne erst einmal damit, die Erkenntnisse die es gibt zum Thema Bodenschutz und Bodenfruchtbarkeit zusammenzutragen, sozusagen ein kleiner Onlinekurs über den Boden. Der Weltacker als Schaufenster für die Landwirtschaft der Zukunft wäre mein Traum. Darüber bald mehr an dieser Stelle. Bleibt also schön neugierig.

Herzliche Grüße an alle Freunde unseres Weltackers von Gerd

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