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Thomas Beutler
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Was sind eigentlich Kleinbauern?

Kleinbäuerlicher Zwiebelanbau (Foto: Thomas Beutler)

Sobald wir anfangen über globale, landwirtschaftliche Themen zu reden, begegnet uns früher oder später automatisch der Begriff der sogenannten „Kleinbauern“. Aber was genau sind Kleinbauern eigentlich? Sind es einfach nur Landwirte mit einer kleinen Betriebsfläche? Warum werden sie so häufig erwähnt ohne aber auf den Begriff näher einzugehen? Welche Rolle spielen sie für die Welternährung? Der folgende Text ist ein Versuch, diesem Begriff einmal einen Rahmen zu geben.

Kleinbauern sind essentiell für die Welternährung

Eine einheitliche Definition von Kleinbauern gibt es gar nicht. Auch gibt es kaum Quellen, die sich mit diesem Begriff einmal ernsthaft auseinander setzen. Und das obwohl Kleinbauern für die Welternährung essentiell sind. Laut Angaben der FAO werden über 80 Prozent der Nahrungsmittel in Asien und Sub-Sahara Afrika von Kleinbauern produziert. Darüber hinaus leben über 1,5 Milliarden Menschen weltweit in kleinbäuerlichen Strukturen.

Doch wenn wir von Kleinbauern reden, denken wir zumeist lediglich an die kleinen Betriebsflächen – zumeist des globalen Südens – auf denen vorwiegend für den Eigenbedarf angebaut wird. Das ist aber bei weitem nicht alles was Kleinbauern ausmacht. Denn Kleinbauern lassen sich im Allgemeinen nicht nur auf die zu bearbeitende Betriebsfläche reduzieren. Beispielsweise kann ein 25 Hektar großer Zuckerrohrfarmer in Ruanda als Großbauer angesehen werden, während ein Landwirt, der in Brasilien auf 200 Hektar Zuckerrohr anbaut im lokalen Vergleich als Kleinbauer gilt.

Es reicht deshalb nicht aus, allein die bearbeitete Fläche eines Bauern zu bewerten, da die Größe einer Betriebsfläche von agrar-ökologischen, technologischen, ökonomischen und demographischen Faktoren abhängen kann. Da Kleinbauern aber zumeist auf die geringe Betriebsfläche reduziert werden, gelten sie unter ökonomischen Gesichtspunkten in der Entwicklungspolitik oftmals als rückständig.

Geringe Ausstattung an Produktionsfaktoren

Der kurze Wikipedia-Artikel zum Thema Kleinbauern beginnt mit dem passenden Satz: „Ein Kleinbauer ist ein Landwirt mit einer geringen Ausstattung an Produktionsfaktoren.“ Hier wird deutlich, dass man bei der Betrachtung von Kleinbauern nicht nur die Fläche, sondern auch die materiellen und immateriellen Faktoren, die den Betrieb in irgendeiner Form beeinflussen, im Blick haben sollte. Denn so wird relativ schnell klar, dass kleinbäuerliche Landwirtschaftssysteme keinesfalls rückständig sind.

Zumeist sind die Anbauflächen dieser Landwirte in fragilen Ökosystemen verortet und damit schwankenden klimatischen Einflüssen ausgesetzt. So können die Anbauflächen oftmals nur unzureichend bewässert werden, was sich auf die Produktivität auswirkt. Gleichzeitig haben die Landwirte aber auch nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu Ausrüstung, Infrastruktur und sozialen Dienstleistungen. Da die landwirtschaftliche Produktivität in der Regel relativ gering ist, sind Kleinbauern oftmals zusätzlich auf sogenannte „Off-Farm“-Tätigkeiten angewiesen. Also Tätigkeiten die ein zusätzliches Einkommen generieren, aber nichts direkt mit dem landwirtschaftlichen Betrieb zu tun haben. Solche Tätigkeiten spielen bei der Bewertung im entwicklungspolitischen Kontext zu selten eine Rolle.

Im Allgemeinen ist kleinbäuerliche Landwirtschaft somit regional stark divers mit unterschiedlich ausgeprägten Formen der Existenzsicherung. Diese Diversität geht auf die unterschiedlichen physiographischen Räume – sogar lokal – zurück, in denen jeweils unterschiedliche, ökologische Anbauvoraussetzungen herrschen an die sich der Kleinbauer anpassen muss.

Kleinbauer macht Pause in Tansania (Foto: Thomas Beutler)

Kleinbauern als Teil eines komplexen Systems

Bezeichnend für kleinbäuerliche Betriebe weltweit ist weiterhin auch deren Art und Weise der Zusammensetzung. Denn im Mittelpunkt von kleinbäuerlichen Betrieben stehen in der Regel ganze familiäre Sozialsysteme und keine einzelnen Landwirte. Diese Familienfarmen sind Teil regionaler Kulturen und Netzwerke können leicht durch moderne, industrielle Landwirtschaft zerstört werden.

Die biophysikalischen, sozioökonomischen und humanen Elemente dieser kleinen Bauernhöfe sind voneinander abhängig und so können diese Betriebe aus ganz verschiedenen Blickwinkeln als ein komplexes System analysiert werden.“

 Prof. Jeckoniah. Sokoine University of Agriculture

Existenzsicherung vs. Profitorientierung

Schon in den 1970iger Jahren argumentierte der Yale Professor James C. Scott, dass Strategien zur Ertragssteigerung meist sehr riskant und kurzweilig sind, weshalb die Subsistenzwirtschaft nicht als rückständig, sondern als ökonomisch rational bewertet werden sollte. Denn die Anbaumethoden der Subsistenzwirtschaft tragen längerfristig zur Existenzsicherung des familiären Betriebes ein.

Somit agieren Kleinbauern meist in schwer greifbaren Spannungsfeldern, die verhindern, von der westlichen Welt wirklich ernst genommen zu werden. Die industrialisierte Landwirtschaft – ein westliches, profitorientiertes Produkt – gilt heute weltweit als Vorbild. Nur so ist zu erklären, dass bis heute weltweit ländliche Entwicklungsprogramme kaum Kleinbauern berücksichtigen. Und wenn, meist nur auf dem Papier. Ein gutes Beispiel dafür ist die die Neue Allianz für Ernährungssicherung. Diese Initiative versucht in verschiedenen afrikanischen Ländern, die landwirtschaftliche Produktivität durch großflächige Landwirtschaft zu erhöhen. Ohne auf das Wissen und Wirken der Kleinbauern Rücksicht zu nehmen.

Da viele Länder dieser Welt nach wie vor von kleinbäuerlicher Landwirtschaft abhängig sind, lohnt sich aber der Versuch, kleinbäuerliche Produktionssysteme zu verstehen.

Warum ist kleinbäuerliche Landwirtschaft so wichtig?

Kleinbäuerliche Landwirtschaft ist so wichtig, da von Ihr viel mehr Menschen leben können als von konventioneller, großflächiger Landwirtschaft, die ausschließlich profitorientiert agiert. Auch kann durch kleinbäuerliche Landwirtschaft für mehr Menschen ein Einkommen generiert werden, als es im Industrie- oder im Dienstleistungssektor möglich wäre.

Kleinbauern produzieren für den Eigenbedarf und für regionale Märkte. Kleinbäuerliche Familienbetriebe produzieren so mehr als die Hälfte der benötigten Lebensmittel weltweit und sind gleichzeitig der größte Arbeitgeber überhaupt. So sind beispielsweise allein in Tansania über 80 Prozent der Bevölkerung direkt vom Agrarsektor abhängig und über 27 Millionen Menschen sind in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig. Mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Somit bildet die kleinbäuerliche Landwirtschaft das ökonomische Rückgrat Tansanias. In vielen Ländern des globalen Südens sieht es ähnlich aus. Doch die expandierende und exportorientierte Industrialisierung der Landwirtschaft gefährdet kleinbäuerliche Anbausysteme. Weltweit. Und somit die Lebensgrundlagen von vielen Menschen.

Weiterhin ist kleinbäuerliche Landwirtschaft zumeist ökologisch nachhaltiger. Durch fehlendes Kapital ist der Einsatz von chemischen Agrar-Inputs viel geringer und die Böden werden durch die fehlende, maschinelle Bewirtschaftung schonender bearbeitet.

Die Erweiterung / Verbesserung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in vielen Länder dieser Welt kann zu einer nachhaltigen Armutsbekämpfung führen, da laut der Afrikanischen Entwicklungsbank der Anstieg des durchschnittlichen Haushaltseinkommens um 2 Prozent zu einem Rückgang der Armutsquoten um etwa Durchschnittlich 4 Prozent führen würde.

Quellen: