Suche
Suche Menü
Mike Abramovici
Zum Schreibwettbewerb

3. Platz: Mike Abramovici – Vom Acker zur IGA

Viele Menschen halten Marzahn-Hellersdorf ja für bedenklich, obwohl sie noch nie hier waren. Für mich ist dieser Bezirk immerhin der Ort, welcher mit vielen schönen Erlebnissen aus meiner Jugend verbunden ist. Auch wenn ja angeblich alles so grau gewesen sein soll, in meiner Erinnerung war alles bunt.

Der Blumberger Damm war damals noch eine Baustelle. Für uns war das ein Glücksfall, wir konnten dort unsere ersten Versuche mit den Mopeds unternehmen. Gleich dahinter befand sich eine große Brache, vorherrschend Gestrüpp, Sand und Acker. Und so nannten wir den Ort auch „unseren“ Acker.

Wir trafen uns dort zum Quatschen, machten Lagerfeuer, grillten und hörten Musik. Und wir lieferten uns immer eine Jagd mit den Ordnungshütern, damals noch Volkspolizei genannt. Der Abschnittsbevollmächtigte (ABV) wurde unser bester geliebter Feind. Auch einige Anwohner störten sich daran, dass wir Jugendlichen dort Spaß hatten und viel Unsinn machten. Wir waren ja so blöd und ritzten in die aufgestellten Bänke unsere Lieblingsfußball-Vereine ein. Schon damals gab es diese Rivalität zwischen BFC Dynamo und FC Union, zwischen den Fans vom HSV und vom FC Bayern. Wir fuhren getrennt zu den Spielen, bepöbelten uns im Stadion und kamen gemeinsam als dicke Freunde zurück. Wir verbrachten viele Stunden damit, auf dem Acker am Lagerfeuer zu sitzen und im Radio die Fußball-Bundesliga zu hören.

Diese kleinen schönen Erinnerungen stürzten gestern bei meinem ersten IGA-Besuch auf mich ein, denn diese befindet sich genau an dem Ort, wo ich all diese schönen Erlebnisse in meiner Jugend hatte, nämlich auf „unserem“ Acker.
 
Die Aussicht vom Wolkenhain über den Bezirk ist wirklich großartig. Viele Menschen reden Marzahn-Hellersdorf zwar schlecht, doch es gibt keinen Bezirk, welcher eine IGA, einen Wolkenhain, eine Mühle und die Alte Börse hat. So viele Facetten gibt es weder im Prenzlauer Berg noch in Neukölln. Marzahn-Hellersdorf braucht sich hier wirklich nicht verstecken. Natürlich haben wir hier soziale Probleme, und ja, leider gibt es auch Nazis – aber sicher nicht mehr als woanders. Und nicht umsonst ist Marzahn Hellersdorf als „Ort der Vielfalt“ ausgezeichnet worden!

Ich wohnte hier früher in einer Neubauwohnung und später in allen Dörfern, die zum Bezirk gehören. Hier verbrachte ich meine Jugend, erlebte die erste Liebe, die erste Ehe, meine Kinder sind hier groß geworden. Ohne Zögern kann ich sagen: Ich finde es hier großartig! Und ich bin der Meinung, das kann man ruhig mal bringen!

Unser „Acker“ von damals hat sich nun prächtig herausgeputzt, und so wurde aus dem einstigen Acker eine IGA. Leider kann man nicht jedem Acker von damals zu solcher Pracht verhelfen. Schön ist es aber immer, über die alten Äcker nachzudenken, auch über den Acker des Lebens. Denn wir sollten niemals vergessen, wo alles seinen Ursprung hat; und ohne einen Acker hätten wir nichts zu essen. Daher: Seid nett zu Mutter Erde, sie braucht uns nicht, aber wir brauchen sie!