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Julia Bar-Tal
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Mit dem Pferd arbeiten

Hier im Block schreibt Julia, Bio-Landwirtin aus Brandenburg, sie lebt und arbeitet auf ihrem eigenen Hof im Märkisch-Oderland. Sie begleitet und unterstützt uns als Referentin auf dem Weltacker und liefert Einblicke und nützliche Tipps über ihre tägliche Arbeit auf dem Feld und im Gemüseanbau.


Unser Betrieb hat insgesamt 45,5 ha. Hinzu kommen noch 12 ha Forst. Auf 3 ha (das sind 15 Weltäcker!) bauen wir Gemüse an. Das ist ganz schön viel für Gemüse, weil Gemüse immer viel händische Arbeit bedeutet. Getreide kann schneller und vor allem mit Hilfe von großer Technik auch auf großen Flächen produziert werden. Deswegen importiert Deutschland auch viel Gemüse und baut nur um die 30% des eigenen Verbrauchs auch selber an. Weil Arbeitskräfte in anderen Ländern schlechter bezahlt werden als hier. Und ist es daher sehr wichtig, dafür zu sorgen, dass es auch ohne weite Transportwege viel leckeres Gemüse für unsere Region gibt.

Wir haben uns entschieden das Gemüse mit Hilfe von Pferden anstatt den Traktoren anzubauen. Im Getreideanbau könnten wir mit der Pferdearbeitskraft nicht konkurrieren, im Gemüse aber sehr wohl schon. Hier kann sowieso nicht so schnell gefahren werden, da Du sehr achtsam sein musst mit den vielen kleinen Pflanzen, die in Reihen gepflanzt werden. Das Pferd frisst vor allem Gras und keinen Diesel, es ist auch leiser und stinkt nicht so wie der Traktor. Leichter ist es auch und macht den Boden durch das Gewicht nicht so kaputt wie ein Traktor.

Wir arbeiten fast ausschließlich einspännig, also mit der Zugkraft von nur einem Pferd. Das hat den Vorteil, dass wir auch auf kleinen Flächen sehr wendig bleiben und auch gezielt einzelne Reihen anlegen und bearbeiten können. Das passt zu dem, was wir anbauen: eine große Vielfalt unterschiedlicher Arten und Sorten und unterschiedlicher Alterssätze, damit wir das ganze Jahr über möglichst immer etwas zu ernten haben. Wir bauen 40-50 verschieden Kulturen und über 250 verschiedene Sorten für die Menschen in der Region an. Das geht meist an zwei Tagen die Woche direkt an kleine Läden in Berlin. Würden wir für den Großhandel anbauen, würden wir uns aus wirtschaftlichen Gründen dafür entscheiden müssen, weniger Vielfalt anzubauen und uns auf größere Lieferungen einer Art zu bestimmtem Termin konzentrieren. Dann müssten wir auch unsere Flächen ganz anders planen und würden uns vermutlich auch für größere Technik mit mehr Pferdezugkraft entscheiden.

Die Vermarktungsmöglichkeiten und -Wege entscheiden also schon was auf den Feldern passiert. Auch bei uns.

Es ist nicht ganz einfach, an moderne Geräte für die einspännige Arbeit mit dem Pferd zu kommen. Die Forschung hat jahrzehntelang nur in die Entwicklung immer größerer Traktorentechnik investiert. Wenn Arbeit mit Pferden als altmodisch erscheint liegt es also an den fehlenden Entwicklungen. Für uns gibt es keinen Grund, warum im 21. Jahrhundert nicht auch tolle moderne Entwicklungen zur Verfügung stehen sollten, mit denen wir Tier-, Boden und Klimagerecht arbeiten können! 

Erstes Pflügen vor vielen Jahren bei uns, mit einem rostigen alten einfachen Beetpflug. Keine so schöne Arbeit!

Es gibt in Luxemburg einen gemeinnützigen Verein namens „Schaff mat Paerd“ (Arbeite mit Pferden), die sich zum Ziel gesetzt haben, die Forschung zum Wohlergehen von Zugtieren zu fördern und neue Ausrüstung für Zugtiere zu entwickeln. 

https://www.schaffmatpaerd.com/de/

„Schaff mat Paerd“ wiederum arbeitet zusammen mit einem Geräteentwickler und -Hersteller in Italien, „Equi Idea“ von dem auch unsere modernen Geräte kommen. 

https://www.noieilcavallo.org/attrezzature/

Beide waren schon bei uns auf dem Hof: Albano Moscardo, um uns in die Geräte einzuweisen und Paul Schmit, um bei uns professionelle Zugkraftmessungen durchzuführen. Diese sind wichtig, um eine klare Analyse zu haben, bei welchen Geräten, wie viel Kraft von unserem vierbeinigen Arbeitskollegen erwartet wird. Nur mit diesem genauen Wissen können Geräte ständig verbessert werden und ich als Landwirtin kann lernen, wie ich meinen Arbeitstag so plane, dass ich meinen Pferdekollegen nicht an seine Kraftgrenzen bringe. Dazu ist eine fundierte Ausbildung im Umgang mit Pferden zusätzlich zur landwirtschaftlichen Ausbildung notwendig. Wer eine Begeisterung für Pferde und nachhaltige Landwirtschaft hat, hat hier auf jeden Fall einen Beruf mit Leidenschaft gefunden!