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Thomas Beutler

Weltacker Blog : Biodiversität mit Harfenmusik

Foto: Amélie Dupuy-Cailloux

Gerd Carlsson schreitet an diesem Donnerstag über den Weltacker. Irgendwie ist es ja auch ein bisschen „sein“ Acker. Er ist für ihn verantwortlich. Es steckt so viel Arbeit und Energie darin. Aber er wirkt zufrieden. Trotz der Hitze konnten die wichtigsten Aufgaben heute alle erledigt werden. Das Unkraut der Sojapflanzen wurde gejätet, der Yams gemulcht, die Wildnetze nachgespannt, das Flächenbuffet neu beschildert, das Gras gesenst. Langsam lässt sich das Ergebnis der letzten Wochen und Monate auch wirklich erkennen, greifen und fühlen. Fast alle Kulturen des Weltackers wachsen und gedeihen. Die Ernte im Spätsommer und Herbst sollte reichlich ausfallen.

Während die untergehende Sonne das Leben auf dem Acker in einen seichten orangeton tüncht, der sonst eigentlich nur in Nikolas Sparks Filmen zu finden ist, ziehen die letzten Besucher*innen vereinzelt über den Acker. Die zahlreichen Helfer*innen beginnen hingegen mit den Vorbereitungen des „AckerDonnerstags“. In kürzester Zeit entsteht hier eine provisorische Küche. Die Tafel wird bereitet, das Gemüse gewaschen und geschnitten, die Tische gedeckt, das „patentfreie Bier” gekühlt. Alles direkt am Weltacker. Auf der IGA.

Gerd Carlsson stimmt seine keltische Harfe. Wenn er sie in den Händen hält wirkt sie noch kleiner als sie schon ist. Weitere Freiwillige, Besucher*innen und das Team aus dem Büro kommen hinzu. Gesine Schaumann – unsere Bantam-Mais Koordinatorin – kreiert eine große Gemüsepfanne. Es wird genug für alle da sein. Sogar die ersten Kräuter und Mangoldblätter vom Acker landen im Salat. Der Transportweg könnte also kürzer kaum sein.
Unser Ackerdonnerstag kann beginnen. Oder hat es ja schon bereits!

Foto: Amélie Dupuy-Cailloux

Mit gefüllten Bäuchen geht es nun auf den Acker. Biogärtner Gerd Carlsson möchte allen Besuchern etwas über Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit erzählen. Das geht am besten bei der Pflanzenkombination „Kleegras“. Ein Mix aus Gras- und Kleearten. Ganz am Ende des Weltackers wächst es. Noch hinter dem „Genussmittelbaum“. Zwar etwas unscheinbar, aber es wächst. Letztendlich ist die Bedeutung des Kleegrases der Allgemeinheit nicht wirklich bekannt. Doch laut Gerd Carlsson ist Kleegras eigentlich die wichtigste Pflanze auf dem Weltacker und in unseren Breiten überhaupt. Denn sie bindet mit Hilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft und versorgt damit den Boden.

Folglich macht Kleegras den Boden fruchtbar. Ganz ohne Energieaufwand. Man muss ihn nur säen. Oder erhalten. Kunstdüngern wird so nicht mehr benötigt. „Wenn ein Landwirt so viel Kunstdünger auf den Acker bringen würde, wie Kleegras auf natürlichem Wege erzeugt, würde gar nichts mehr wachsen”, sagt Gerd. Trotzdem wird es in der konventionellen Landwirtschaft gerne als störend empfunden. Als Konkurrenz zur Nutzpflanze. Ein Trugschluss. Denn „wir sollten und bräuchten gar nicht das Maximale- sondern nur das Optimale aus unseren Böden holen.

Für ein stabiles Ökosystem ist eine große Vielfalt nun einmal unbedingt erforderlich. Und Kleegras bietet diese Vielfalt. Denn sie erhöht nicht nur die Fruchtbarkeit der Böden, was anderen Pflanzen zu Gute kommt, sondern ist laut Gerd Carlsson auch eine Lebensgrundlage zahlreicher Tierarten: So können vom Kleegras etwa 1600 verschiedene Insektenarten leben. Das ist ziemlich viel. Aber wir sollten bedenken: An jeder Insektenart hängen noch einmal etwa 100 weitere Tierarten. Von weiteren Insekten über Amphibien bis hin zu Vögeln und Säugetieren.
Leider ist heute nur diese Vielfalt nicht mehr selbstverständlich. Biobauer und Autor Markus Bogner griff dieses Thema am vergangenen Montag ebenfalls auf: Während laut Angaben des NABU im Durchschnitt etwa 100 Regenwürmer pro Quadratmeter leben, finden sich auf Bogners Äckern um die 400.

Folglich ist es schon möglich, eine größere Vielfalt auf unsere Äcker zu bringen. Es geht mehr als nur einfache Fruchtfolgen. „Doch die meisten landwirtschaftlichen Probleme sind keine Probleme der Landwirtschaft an sich, sondern Folgen unseres Wirtschaftssystems.“ Die Zuhörer*innen nicken zustimmend. Gerd Carlsson hat wohl recht.

 

Foto: Amélie Dupuy-Cailloux

Auf unserem Weltacker wurde das Kleegras übrigens in den letzten Tagen gesenst. Nun dient es als Mulch. Im August wird es neu erblühen.
Nach Gerd Carlssons Vortrag zerstreuen sich die Teilnehmer*innen unseres ersten AckerDonnerstags. Einige diskutieren auf dem Acker weiter, andere haben noch Fragen an Gerd.
Später sitzen alle wieder beisammen, lassen den Donnerstagabend ausklingen. Trinken Bier und Wein. Gerd spielt Harfe.

Plötzlich, mitten im Lied, stocken die Klänge. Ein leises Raunen geht um. Das Publikum ist verwundert. Gerd Carlsson grinst entschuldigend: „Die Harfe hat das Lied vergessen.“ Gerds Hände entlocken dem Boden fruchtbare Pflanzen, der Harfe süße Klänge, oder ruhen müde auf seiner grünen Latzhose. Man muss nicht immer das Maximale aus allem rausholen…

Thomas Beutler: Werkstudent

 

Foto: Amélie Dupuy-Cailloux