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Magdalena Mirwald

Ackertalk: Pflanzengesundheit

Ackertalk Pflanzengesundheit

Ackertalk Pflanzengesundheit – Alain Hamm, Frederike Hassels, Gerd Carlsson, Hans-Martin Meyerhoff (von links)

Am Donnerstag, 24. August gab es beim Ackertalk einiges zum Thema Pflanzengesundheit zu lernen. Darüber, wie sich diese herstellen und vor allem erhalten lässt, gehen die Meinungen weit auseinander. Konventionelle Methoden umfassen vor allem das Fernhalten und Abtöten von Schädlingen: Sowohl blatt- oder fruchtschädigenden Insekten, alsauch unerwünschten Ackerbegleitkräutern oder Vorratsschädlingen. Pflanzenschutzmittel schützen Kulturpflanzen vor solchen Schadorganismen, in Deutschland wurden 2011 circa 250 Wirkstoffe in insgesamt 691 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln zugelassen. Die Menge der in Deutschland abgesetzten Pflanzenschutzmittel lag seit 2006 bei jährlich circa 40.000 Tonnen und hat im Jahr 2011 mit über 43.000 Tonnen ein neues Rekordniveau erreicht.

Die unschönen Folgen

Doch für den Schutz zahlt man einen hohen Preis: Der intensive Einsatz hochwirksamer Breitband-Herbizide und -Insektizide führt zwangsläufig auch dazu, dass die Pflanzenwelt verarmt und vielen Vogel-, Säuger- und anderen Tierarten der Agrarlandschaft die Nahrungsgrundlage weitestgehend entzogen wird. Auch die Bodenfruchtbarkeit sinkt durch die Schädigung wichtiger Bodenorganismen, dem mit einer vermehrten Düngung begegnet werden muss. Eine weitere Lebensgrundlage wird ebenfalls kontaminiert: unser Grundwasser. Zwischen 2006 und 2008 überschritten 4,6 Prozent der gut 13.000 untersuchten Messstellen im oberflächennahen Grundwasser den Grenzwert von 0,1 µg/l bei mindestens einem Wirkstoff.

Neben Pflanzenschutzmitteln werden Pflanzen, am bekanntesten ist der Mais, auch gentechnisch verändert. So kann der Genmais „1507“ das Bt-Protein, einen insektiziden Stoff, herstellen. Durch das Bt-Protein ist die Pflanze vor dem Maiszünsler oder dem Maiswurzelbohrer geschützt, da diese sich beim anfressen sozusagen selbst vergiften.

Auf dem Weltacker wächst u.a gentechnikfreier Bantam-Mais. Foto: Pixabay

Eine andere Landwirtschaft ist möglich!

Dass Landwirtschaft und Gartenbau aber auch ganz ohne solch fragwürdige Methoden funktioniert und man vor allem auch beachtliche Erträge erzielen kann, zeigten unsere drei geladenen Gäste. Da uns das Wetter dieses Mal gewogen war, konnte das Podium bei lauem Abendwetter und gefüllten Zuschauerrängen draußen stattfinden.

Hans-Martin Meyerhoff ist Betriebsleiter des Gut Temmen  in der südlichen Uckermark, gelegen im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Das Gebiet umfasst auf ca. 3300 Hektar sieben Seen und beherbergt eine Vielfalt an seltenen Tieren und Pflanzen. Neben Rinder- und Schweinezucht stehen ihm ca. 2700 Hektar für Ökologischen Ackerbau zur Verfügung. Dort baut er vor allem vielfältige Getreidesorten, Klee und Luzerne an und achtet besonders darauf, durch mehrjährige Fruchtfolgezyklen den Nähr- und Mineralstoffgehalt der Böden zu schonen. Da 20 % der bewirtschafteten Flächen ausgewiesene Naturschutzflächen des Biosphärenreservats sind, werden Ernte- und Mähzeitpunkte an die Brut- und Balzzeiten der vielfältigen Wildfauna angepasst. Außerdem wird auf Spritzmittel, präventive Antibiotika und mineralischen Dünger verzichtet. Seit 1982 ist Meyerhoff schon Biobauer und seit 20 Jahren auf Gut Temmen tätig, diese Erfahrung spricht für sich. Ökologische Landwirtschaft ist auch in großem Maßstab möglich.

Auch unser Biogärtner Gerd kommt ohne konventionellen Pflanzenschutz aus. Er betont die Notwendigkeit eines gesunden Bodens für die Pflanzengesundheit. Durch passende Vorfrüchte, Bodenauflockerung, Kompost und pflanzenbauliche Maßnahmen wie Zwischenfruchtanbau (mit Lupinen usw.) gelang es ihm in kurzer Zeit, unseren Teil des IGA-Geländes für den Weltacker tauglich zu machen. Um die Pflanzen jetzt auch gegen Schädlinge zu schützen, experimentiert er seit einiger Zeit mit homöopathischen Mitteln. Mit diesen behandelte er etwa die Weltacker-Tomaten, um sie so vorsorglich zu stärken und hat damit bis jetzt gute Erfolge erzielt. Wer sich hierzu informieren möchte, dem legt Gerd das Buch ‚Homöopathie für Pflanzen: Ein praktischer Leitfaden für Zimmer-, Balkon- und Gartenpflanzen‘ von Christiane Maute ans Herz, nach dem auch er sich richtet.

Auch die richtige, dem Boden und Klima angepasste Sortenauswahl ist wichtig für die Resistenz gegen Schädlinge. Gerd löste das Rätsel um unsere immer noch gutaussehenden Tomatensorten, die viele Besucher mit Neid bestaunen. Er empfiehlt unter anderem die Freilandsorte ‚Dorenia‘ von Bingenheimer Saatgut. Wenn es auf dem Acker ruhiger wird, werden wir einen Blogeintrag zu den Sorten des Weltackers veröffentlichen.

Alain Hamm ist Gartenfachberater des Bezirksverbandes Berlin-Marzahn der Gartenfreunde. Er weiß um die alltäglichen Probleme der Kleingärtner mit Schädlingen und um die Verlockung, diesen etwa mit Schneckenkorn zu begegnen. Hier zeichnet sich allerdings eine positive Entwicklung ab, denn immer mehr Kleingartenvereine und Initiativen verbannen die blauen Körner aus dem Garten. In seinen Beratungen empfiehlt er, den passenden Nützling zum Schädling anzusiedeln. Den gäbe es nämlich für fast jedes Problem.

Artenvielfalt schafft Pflanzenglück

Wichtig für die Pflanzengesundheit ist die Artenvielfalt im Gebiet. Sie ist für die Selbstregulation im Ökosystem unerlässlich, und obwohl ein ausgeglichenes Ökosystem auch Platz für Schädlinge und Krankheiten bietet, nehmen sie doch nicht überhand wie bei Monokulturen. Das Gleichgewicht ist aber nicht statisch, sondern schwankt mal in die eine, mal in die andere Richtung. So kommt es auf Gut Temmen schon manchmal vor, dass die Ernte einer Kultur in einem Jahr ausfällt. Aber durch die Vielzahl der Kulturen ist das wirtschaftlich nicht bedrohlich.

Weltacker 2000m2 die Auslöser Berlin

Keine Monokulturen, sondern Vielfalt hilft der Pflanzengesundheit! So wie auf unserem Weltacker. (Foto: Die Auslöser Berlin)

Um solchen einseitigen Bedrohungen vorzubeugen, setzt Meyerhoff auf Mischkulturen im großen Stil. Dabei säht er auf der gleichen Fläche drei Mal oder öfter, achtet aber auch auf einen ähnlichen Erntetermin. Gerade experimentiert er mit Winterweizen und Wintergerste. Zudem hat er die Erfahrung gemacht, dass sich manche Kulturen selbst die Schädlinge vom Leib – oder der Ähre – hielten, wie etwa die Gerste.

Zu diesem Thema gibt es aber einen enormen Forschungsbedarf. Hier waren sich alle drei Referenten schnell einig: Es muss ein generelles Umdenken weg von chemischen Giften stattfinden und vor allem mehr Geld in die Forschung zu Biologischer Landwirtschaft fließen, um noch effizienter Biologischen Anbau zu betreiben. Hans-Martin Meyerhoff geht noch einen Schritt weiter: wenn die Forschung zur Biologischen Landwirtschaft vom Staat mehr gefördert wird als die zur Konventionellen, dann ist ein echter Wandel geschafft.

Auch bei technischen Gerätschaften muss noch viel entwickelt werden. Um einer drohenden Bodenverdichtung vorzubeugen, arbeitet er nur mit leichten Maschinen. Doch die neuen Landmaschinen wiegen oft bis zu 35 Tonnen, zu viel für den Boden. Und doch schließen sich ökologische Landwirtschaft und moderne Technik nicht aus – auf Gut Temmen fahren die Maschinen der Präzision wegen mit GPS. Aber damit die Maschinen mit Mischkulturen klarkommen, muss noch viel getan werden.

Nach der Diskussion, bei der auch ausgiebig auf Fragen aus dem Publikum eingegangen wurde, konnten die Besucher den Erfolg von Gerds Methoden bei einer anschließenden Ackerführung besichtigen. Julia Schulz gab uns einen Einblick in die Kleingartenanlage „Am Kienberg“ e.V. Mit einem leckeren Ackersnack ließen wir den gelungenen Abend ausklingen. Wir freuen uns auf das nächste Mal!

Quellen:

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