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Amelie Dupuy-Cailloux

Ackertalk Kakao: Zweimal bittere Wahrheit

 

Schokobohnen | PIXABAY

Die erste Augustwoche haben wir dem Genussmittel Schokolade gewidmet. Ursprünglich hatten wir zu diesem Thema Achim Drewes von Nestlé Deutschland, Evelyn Bahn, Schoko-Campaignerin beim INKOTA Netzwerk und Miki Mistrati, Investigationsjournalist und Filmemacher, zusammen eingeladen. Wegen gewisser Unverträglichkeiten wurden daraus gleich zwei gut besuchte Abende. Ein Ackertalk mit Achim Drewes und Evelyn Bahn und ein Film-Screening im TAZ-Café, bei dem nach ausgewählten Filmsequenzen aus seinen Reportagen Schmutzige Schokolade 1 und 2 (2008 / 2012) der Filmemacher Miki Mistrati auch über seinen letzten Besuch (2017) in Afrika berichtete.

Foto: Die Auslöser Berlin (August 2017) | Benny Haerlin (ZSL, 2000m²); Evelyn Bahn (INKOTA); Achim Drewes (Nestlé)

Wie wird Schokolade fair? lautete der Titel unserer ersten Veranstaltung zur Produktionskette der Schokolade letzte Woche Donnerstag auf dem Weltacker. Die zweite Veranstaltung am Freitag im TAZ Café lieferte dazu die bittere Antwort: Gegenwärtig sei Schokolade aus Westafrika überhaupt nicht fair, hieß es da von beiden Mitstreitern Miki Mistrati und Evelyn Bahn. Ob sie nun aus Ghana oder der Elfenbeinküste kommt – oft werden die Bohnen auch einfach über die Grenze gefahren, um dessen Ursprung zu fälschen – „fair“, also gerecht produziert, ist sie so oder so nicht. Denn für die 5,5 Millionen Bäuerinnen und Bauern, die weltweit Kakao anbauen, liegt das Einkommen deutlich unter der Armutsgrenze. In Ghana durchschnittlich bei 0,75€/Tag pro Person, in der Elfenbeinküste sogar nur bei 0,45€/Tag und pro Person (aus “Die bittere Wahrheit über Schokolade“, eine Publikation der “Make Chocolate Fair!” – Kampagne des INKOTA Netzwerks).

Kakaoernte. Foto: Konafkoop (c) GEPA

„Der Preis einer Tonne Kakao ist so niedrig, dass er weit davon entfernt ist, den Kleinbauern ein existenzsicherndes Einkommen zu gewährleisten“, so Evelyn Bahn. „Viele Kakaobauern haben nur 0,5 bis 2 ha Land und ernten ca. 400 kg Kakao/ha, obwohl 800-1000 kg/ha einer guten Ernte entsprechen würden“, berichtete Drewes. Die Erträge sind deshalb so niedrig, weil die Bauern seit Jahrzehnten nicht mehr in ihre Plantagen investieren konnten. „Obwohl die Pflanzen Schattenpflanzen sind, die gut in Mischkulturen oder Agroforstkulturen gedeihen würden, werden sie oftmals in Monokulturen angebaut und nicht im nötigen Turnus von 12-25 Jahren gewechselt, sondern bis zur Erschöpfung genutzt“, erklärte Bahn. Die Konsequenz ist, dass ganze Bauernfamilien mit ca. 1000 € im Jahr auskommen müssen, wie Miki Mistrati es in seinem Film Schmutzige Schokolade 2 (Time: 7:14) erklärt. Auch wenn sie neben dem Kakao andere Kulturen zur Selbstversorgung anbauen, ist es zu wenig Einkommen, um in die Pflege der Kakaopflanzen zu investieren, geschweige denn das Schulmaterial für die Kinder zu besorgen. Kinderarbeit ist eine direkte Folge der Armut, da waren sich Evelyn Bahn, Miki Mistrati und Achim Drewes einig.

Am 4. August 2017 im TAZ Café: Evelyn Bahn, Benny Haerlin, Miki Mistrati

Trotzdem ist laut Evelyn Bahn, vom INKOTA Netzwerk und der Kampagne „Make Chocolate Fair!“, die Lösung nicht der Boykott afrikanischer Schokolade oder gar der Produkte der Marke Nestlé, denn was die Kleinbauern in der Elfenbeinküste brauchen, ist erstmal ein fester Kaufpreis ihrer Ernteerträge, unabhängig vom Weltmarktpreis. Weil der in den letzten Monaten sank, wurde der in der Elfenbeinküste staatlich festgelegte Abnahmepreis der Kakaobauern im April Frühjahr 2017 um 30% gesenkt.

Die Auslöser Berlin (August 2017) | Evelyn Bahn, Benny Haerlin und Achim Drewes im Umweltbildungszentrum, IGA Berlin

Warum faire, feste Preise nicht zu garantieren seien, konnte oder wollte Achim Drewes, Leiter Public Affairs von Nestlé Deutschland, leider nicht eindeutig und überzeugend beantworten. Stattdessen erzählte er die Geschichte eines Jugendlichen, der sich gar nicht als Sklave gefühlt habe, obwohl seine Arbeitsbedingungen inakzeptabel waren und im Rahmen des Engagements seines Unternehmens auf eine ordentliche Grundlage gestellt wurden. „Unser klares Ziel ist, den Bauern und ihren Familien auch im Kakaoanbau eine angemessene Lebensgrundlage zu bieten.“

Foto: afrikanischer Junge | Pixabay

Nestlé verfolgt schon seit längerem einen „Nestlé Cocoa Plan“, der zur Umsetzung dieses Zieles beitragen soll. Das Motto: Besserer Anbau, besseres Leben, besserer Kakao. „2016 wurden 2,2 Mio. leistungsfähige Pflanzensetzlinge an die Bauern ausgegeben, und 57.000 Bauern in besseren Anbaumethoden geschult“, sagt Drewes. Darüber hinaus wurde in 69 Partnerkooperativen bis Ende 2016 das „Child Labor Monitoring“eingeführt, um Kinderarbeit aufzudecken. Außerdem hätten rund 230.000 Menschen vom Wasser- und Sanitärprogramm mit dem Roten Kreuz profitiert, das Nestlé eingeführt hat. Gegenwärtig kommt ca. ein Drittel der 400.000 Tonnen Kakao, die Nestlé jährlich verarbeitet, aus Unternehmen und Kooperativen, die im Rahmen des Cocoa Plan zertifiziert werden. In Deutschland stamme sogar fast der ganze Kakao, den Nestlé anbietet aus dem Cocoa Plan. Die Konsument*innen in Deutschland seien eben anspruchsvoller. Auch Evelyn Bahn findet, dass die Zertifizierung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Ihre Kampagne bemüht sich unter anderem, auch Verbraucherinnen und Verbraucher in anderen Ländern der EU davon zu überzeugen.

Kostenanteile des Rohkakaos in einer Tafel Schokolade. Grafik: © INKOTA – Netzwerk

Miki Mistratis Recherchen zeigten allerdings wie wenig die Zertifizierung in Westafrika kontrolliert wird und dass es auch auf zertifizierten Plantagen noch immer Kinderarbeit gibt. So berichtete auch die Studie der Tulane UniversitySurvey Research on Child Labor in the West African Cocoa Sectorvon Juli 2015. Je größer die Plantage, desto mehr Handarbeit ist nötig. Maschinen kommen auf einer Kakaoplantage nicht zum Einsatz. Flinke Kinder, die auf Bäume klettern und mit gefährlichen Macheten hantieren, um die Kakaoschoten zu ernten, sind überall gefragt. Dabei geht es nicht um fröhliche Kinder, die mit Freude und Begeisterung aus „afrikanischer Tradition“ ihren Eltern in den Plantagen unter die Arme greifen, um später selbst das Land zu erben und in die Kakaowirtschaft einzusteigen. Es handelt sich wahrhaftig um Kindersklaven, ab ca. 8 Jahren, die aus ihren Dörfern in Burkina Faso gelockt, über die Grenze geschmuggelt, und für rund 250 € an Kleinbauern verkauft werden. Sie sind ihren Besitzern ausgeliefert, haben keine Rechte, erscheinen in keiner Statistik und schuften unter unglaublich harten Bedingungen den ganzen Tag. Die Schule fällt aus oder ist sogar eine Ruine. Dass dies auch 2017 noch der Fall sei, obwohl sich die Kakaowirtschaft schon 2002 dazu verpflichtet hatte, diese Art der Kinderarbeit bis 2008 abzuschaffen, bekräftigte Miki Mistrati am Freitag im TAZ Café immer wieder.

Er arbeitet an einem neuen Film und war vor zwei Monaten in der Elfenbeinküste, um sich ein neues Bild der Lage zu verschaffen. Sein Fazit ist niederschmetternd und lässt die Aussagen vom Vortag – Achim Drewes hatte es abgelehnt, Miki Mistrati öffentlich zu treffen – wie Hohn nachklingen. Laut Miki Mistrati hat sich nichts seit den ersten beiden Reportagen „Schmutzige Schokolade 1 und 2“ verändert.

Evelyn Bahn behautete am Donnerstag, dass über 2 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten (1,3 Millionen in der Elfenbeinküste). Schlimmer noch, nach Miki Mistratis Aussagen, sieht es auf den „fairen“ Plantagen, wo sich die Bauern in Kooperativen organisieren sollten und durch Prämiensysteme bessere Arbeitsbedingungen haben sollten, kein bisschen gerechter aus. Weder die Rainforest Alliance, noch UTZ bieten etwaigen Schutz gegen illegale, gefährliche und missbräuchliche Kinderarbeit… laut Miki Mistrati ist sogar Fair Trade nicht fair…

Foto: Teresa Hronov, Ghana

Die Anbieter fairer Schokolade aus Bioanbau wie Gepa, Oxfam, Rapunzel oder „Bean-to-Bar“ Marken wie Zotter, verzichten angesichts dieser Situation auf Kakao aus Afrika und beziehen ihre Bohnen aus südamerikanischen Plantagen: In Guatemala, Honduras, Bolivien, Peru, Ecuador oder der Dominikanischen Republik lassen sich Fairtrade-Standards effektiv umsetzen und auch kontrollieren.

Hauptanbauländer für Kakao. Grafik: © INKOTA – Netzwerk

 

Aber ist es wirklich die dauerhafte Lösung, afrikanische Kakaobohnen zu umgehen? Für Marken wie Nestlé, ist lateinamerikanische Schokolade die Premiumqualität für ihre Edelmarken. Der ertragreichere Konsumkakao, von der Sorte Forastero (der Fremde), kommt aus Westafrika, und es gibt einen großen Markt für billige Schokolade. Seit der Kolonialzeit wird in der Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria und Kamerun Kakao angebaut. Da Kakaopflanzen ein tropisches Klima benötigen, um zu gedeihen, kann Kakao nur in wenigen Regionen weltweit rund um den Äquator angebaut werden. Heutzutage stammt 70 Prozent der globalen Kakaoproduktion aus Westafrika. Nur 15 Prozent der weltweiten Kakaoernte stammt aus Mittel- und Südamerika, den Ursprungsregionen des Kakaos.

Wie wird Schokolade fair? Laut INKOTA: indem wir als Konsument*innen Licht auf die dunkle Seite der Schokolade werfen. Evelyn Bahn ist sich da sicher: nur wenn die Kakaoindustrie merkt, dass ihre Konsument*innen sich sehr wohl für den Ursprung ihrer Lieblingsschokolade interessieren und in Briefen, Foren und Diskussionsrunden – wie die vom 2000m² Weltacker – immer wieder nachfragen unter welchen Bedingungen der Kakao angebaut wird, werden die Selbstverpflichtungen der Schokoladenindustrie sich ausweiten und auch effektiver überprüft.

Gefordert ist jedoch auch die staatliche Politik. Sie müsste Produkte aus missbräuchlicher Kinderarbeit – auch in den Anbauregionen – per Gesetz verbieten. In Amerika ist dies theoretisch bereits der Fall.  Gegenwärtig klagt deshalb dort ein Anwalt im Namen sechs ehemaliger Kindersklaven gegen Nestlé und Cargill. Wir sind also nicht nur als Konsument*innen, sondern auch als Bürger*innen gefragt!

Amélie, Öffentlichkeitsarbeit 2000m² Weltacker

Quellen: 

Genussmittel Schokolade, 2000m² Weltacker

INKOTA Netzwerk

Kakaopreise und Einkommen für Kakaobauern, Make Chocolate Fair!

Die bittere Wahrheit über Schokolade, eine Publikation der “Make Chocolate Fair!” – Kampagne des INKOTA Netzwerks

Schmutzige Schokolade 1 – Dokumentarfilm von Miki Mistrati, 2009

Schmutzige Schokolade 2 – Dokumentarfilm von Miki Mistrati 2012

Nestlé Cocoa Plan

Child Labor Monitoring, United Nations Agency – International Labor Organization

Survey Research on Child Labor in the West African Cocoa Sector, Studie der Tulane University von Juli 2015

Infoblatt Côte d’Ivoire – Make Chocolate Fair! – INKOTA Netzwerk

 Infoblatt Zertifizierte Schokolade – was steckt hinter den Siegeln?- Make Chocolate Fair! -INKOTA Netzwerk

Nachgehackt: Ist meine Lieblingsschoki fair? – Make Chocolate Fair! – INKOTA Netzwerk

Weitere Informationen:

Global Witness

Cocoa Barometer

Interpol

BBC

Statista

Rainforest Alliance

UTZ

 Fair Trade

Weitere Artikel:

Millionen Kinder müssen auf Kakaoplantagen schuften, Spiegel online, August 2015

Bittere Zeiten für Kakaobauern, Greenpeace Magazin, Juli 2017

Kakao: Doch eher bitter! Thomas Beutler, 2000m²

Kakao: doch eher bitter!