Wer ernährt die Welt? (Kapitel 2)

Viele Futtermittel für Tiere sind ineffizient

Vor Kurzem haben mich Maisfelder und eine lange Zugreise dazu inspiriert, herauszufinden, wer denn eigentlich mein Essen anbaut. Ich bin an Millionen von Maispflanzen vorbeigefahren und habe nach einer kleinen Recherche herausgefunden, dass am Ende nur ein kleiner Teil davon wirklich auf meinem Teller landet. Manchmal als frischer Maissalat, cremige Polenta oder gegrillter Kolben. Viel häufiger landet die stärkereiche Pflanze aber in der Kraftstoffproduktion oder wird zu Futtermittel für Tiere verarbeitet.

Maiskolben gegrillt auf einem Teller. Viel des Maises wird aber zu Futtermittel für Tiere.
Gegrillte Maiskolben, Monika Borys (Unsplash)

Ich frage mich, ob es Sinn macht, dass mehr Lebensmittel im Trog von Tieren als auf unserem Teller landen. Um dieser Frage nachzugehen, werde ich mich heute wieder auf eine neue Reise durch Deutschland begeben.

Mein Weg führt mich als Erstes nach Niedersachsen, zu einem Schweinemastbetrieb. Mitten in einer flachen, grünen Ebene stehen drei lange Stallhallen. 80 Meter lang. Die Wände sind aus hellen Sandwichpaneelen und das Gebäude ist jeweils nur acht Meter hoch. Fenster haben die Ställe keine, nur in den Trapezblechplatten auf dem Dach sind einige Lüftungsventilatoren eingelassen. Während diese gleichmäßig und tief brummen, hört man immer wieder ein dumpfes, vielstimmiges Quieken und Grunzen, das durch die Wände dringt. Tausende Schweine werden hier gemeinsam großgezogen.

Trotz genügend Selbstversorgung wird importiert

Die deutsche Bevölkerung mag Schweinefleisch. 52 % macht diese Fleischsorte am gesamten Fleischverzehr aus. Gut die Hälfte. Eine Person isst im Jahr durchschnittlich 28,3 Kilogramm davon. Wenn man diese Menge Fleisch als Koteletts aufeinanderstapeln würde, stünde man neben einem Turm von fast drei Metern. Eine stattliche Menge! Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das 2,4 Millionen Tonnen Schweinefleisch pro Jahr. Doch es wird sogar noch mehr produziert, als Menschen in Deutschland konsumieren: 4,3 Millionen Tonnen Schweinefleisch haben im vergangenen Jahr deutsche Schlachthöfe verlassen. Das ist fast das Doppelte von dem, was die deutsche Bevölkerung isst.

Deutschland exportiert mehr als die Hälfte seines produzierten Schweinefleischs ins Ausland. Insbesondere jene Stücke des Tiers, die im Land weniger gefragt sind: Innereien, Füße oder Ohren. Was im Land verbleibt, sind die feineren Teile wie Schinken oder Filets. Diese sind bei den Deutschen sogar so gefragt, dass die eigene Produktion nicht genügend davon liefern kann und man sie zusätzlich aus dem Ausland importieren muss. Obwohl also mengenmäßig weitaus genügend Schweinefleisch im Inland geschlachtet wird, werden beliebte Teilstücke dennoch in großen Mengen zusätzlich aus anderen Ländern eingeführt.

Schwein in industrieller Tierhaltung, wurde mit Futtermitteln gefüttert
Schwein in industrieller Haltung, Barbara Barbosa (Pexels)

Ineffiziente Kalorienverteilung

Auf dem Schweinehof in Niedersachsen ist Fütterungszeit. Eine große Maschine beginnt zu surren und die Schweine wissen, was gleich passiert. Aufgeregt drängen sie zu ihren Trögen. Drei Mal am Tag wird die fertige Futtermischung aus dem Futtersilo neben den Ställen mit einer Förderschnecke automatisch in die Tröge transportiert. Je nach Alter erhalten die Tiere unterschiedliche Nahrung. Ein sich veränderndes Gemisch aus Getreide, Eiweißkomponenten und zugesetzten Mineralstoffen und Vitaminen. Auch Mais ist dabei, vielleicht ja sogar von den Feldern, die ich auf meiner ersten Reise gesehen habe.

Was auf den ersten Blick wie ein ausgeklügeltes, effizientes und ökonomisches Produktionssystem wirkt, entpuppt sich aber auf einer größeren Ebene betrachtet als sehr ineffizient. Denn Tiere verbrauchen viel ihrer durch Kraftfutter erhaltenen Energie für Wärme, Atmung oder Bewegung. Und gar nicht nur für das Ansetzen von Fleisch, das Produzieren von Milch im Fall der Kuh oder von Eiern bei den Hühnern. Und dieser Verlust ist bei Weitem nicht unerheblich. Nach einer Berechnung des UN-Umweltprogramms könnten die Kalorien, die bei dieser Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel verloren gehen, theoretisch 3,5 Milliarden Menschen ernähren. Das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung.

Diese Ineffizienz sieht man auch flächenmäßig. Weltweit stehen durchschnittlich pro Mensch 2000 m² Ackerfläche zur Verfügung. Eigentlich genügend Platz, um sich zu ernähren und zu kleiden. Nutzt man diese Fläche aber ausschließlich, um beispielsweise Futter für die Schweine aus Niedersachsen anzubauen, kann man gerade mal zwei Tiere bis zum Schlachtgewicht mästen. Diese Menge an Fleisch reicht bei Weitem nicht, um den Magen ein ganzes Jahr ausgewogen zu füllen. Und Kleider hat man dann auch noch keine. Je mehr Tierfutter auf unseren 2000 m² angebaut wird, desto ineffizienter wird die Fläche genutzt und desto weniger hat der Mensch davon.

Tierhaltung ist nicht gleich Tierhaltung

In Anbetracht dieses großen Kalorienverlustes scheint es auf den ersten Blick also überhaupt nicht sinnvoll, Nutztiere zu halten. Viel mehr Menschen könnten ernährt werden, wenn die pflanzlichen Nahrungsmittel direkt den Weg auf ihre Teller finden würden. Unabhängig von ethischen und ökologischen Fragen zur Viehzucht, die ich in diesem Artikel nicht behandeln werde, kann die Frage der effizienten Kaloriennutzung nicht mit einer kompletten Ablehnung von Tierhaltung beantwortet werden. Denn es gibt auch Haltungsformen, in denen Kalorien sinnvoller genutzt werden. Zum Beispiel, wenn die Tiere vorwiegend auf der Weide sind.

Grasendes Galloway-Rind auf Wiese. Gräser und Kräuter sind Futtermittel
Grasendes Galloway-Rind, Wijs Wise (Pexels)

Das führt mich zur zweiten Station meiner Reise: einem Mutterkuhbetrieb in einem Niedermoorgebiet in Mecklenburg-Vorpommern. Eingebettet in eine flache, weite Landschaft, die sich bis zum Horizont zieht, mit Heidekraut, vereinzelten Birken und schilfbewachsenen Feuchtsenken. Auf der Weide steht kein klassischer Stall, sondern ein dreiseitig offener Unterstand, der den Tieren vor stürmischem Wetter Schutz bietet. Ein paar Dutzend Galloway-Rinder stehen auf der weiten Fläche verteilt in kleinen Gruppen. Mit zottigem schwarzem Fell, das sie auch im Winter vor der Kälte schützt. Denn sie leben das ganze Jahr draußen und sind um einiges robuster als ihre in der Milchproduktion eingesetzten Artgenossinnen. Man sieht sie an Gräsern, Wiesen- oder Heidekräutern kauen oder an jungen Triebspitzen von Büschen und Bäumen knabbern. Damit verhindern sie, dass die offene Moorfläche zuwächst und verbuscht, und unterstützen damit nebenbei den Erhalt artenreicher Landschaften.

Wenn sich Nutztiere wie hier nur von einer Weide ernähren oder von organischen Abfällen, dann stehen ihre Nahrungsmittel nicht in Konkurrenz zu denjenigen der Menschen. Vielmehr machen die Tiere in diesem Fall Kalorien für den Menschen verfügbar, die es vorher nicht waren – verwandeln beispielsweise Gras in nährstoffreiches Fleisch. Das kann, je nach sonstiger Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sehr sinnvoll sein und das Überleben einer Bevölkerung sichern. Besonders in Regionen, in denen nur begrenzt kalorienreiche pflanzliche Lebensmittel angebaut werden können.

Die Realität ist industriell

Viele wünschten sich vielleicht, dass ihre tierischen Lebensmittel von einem solchen extensiven Hof stammen. Doch in der Realität wird diese Haltungsform nie die großen und preisgünstigen Mengen an Fleisch oder Milchprodukten liefern, die derzeit nachgefragt werden. Mengen, die viele ganz selbstverständlich im Supermarkt erwarten. In der Realität stammt nur ein ganz kleiner Teil tierischer Produkte aus solch einer flächenmäßig großzügigen und naturnahen Umgebung. Bei den meisten Tierarten sind es ein paar wenige einzelne Prozent. Der viel größere Anteil der tierischen Produkte aus dem Supermarkt stammt von industriellen Höfen mit Hochleistungstieren, die auf wenig Platz, mit viel Kraftfutter und kaum Auslauf in kürzester Zeit große Massen produzieren müssen. Bei Schweinen hatten nur 1% Zugang zu Auslauf, mehr als die Hälfte aller Legehennen und fast 80 Prozent der Masthühner in Deutschland werden auf Betrieben mit mehr als 50.000 Tieren gehalten. Nur etwa 31 % der Rinder und Milchkühe haben regelmäßigen Weidezugang.

Ein Drittel des Ackerlandes für Futtermittel

Um diese intensive industrielle Tierhaltung und das Angebot an günstigem Fleisch aufrechterhalten zu können, wird aktuell ein Drittel des globalen Ackerlandes für den Anbau von Futtermitteln genutzt. Auf dieser enormen Fläche werden pflanzliche Kalorien produziert, die zu einem beachtlichen Teil auf ihrem Weg durch den tierischen Körper wieder verloren gehen. Kalorien, die theoretisch fast die Hälfte der Weltbevölkerung satt machen könnten. Und dabei wird zudem enorm viel Ackerfläche blockiert, die eigentlich viel diverser, ökologischer und effizienter genutzt werden könnte. Die große Mehrheit an Futtermitteln wird nämlich in energieintensiven Monokulturen angebaut und trägt nebst dem Ammoniak aus Gülle und Mist, den die Tiere emittieren, und dem gefährlichen Klimagas Methan, das die Wiederkäuer ausstoßen, dazu bei, dass die industrielle Tierhaltung mit Abstand der größte Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel ist. All dies, um billig Salami kaufen zu können.

Agrarfläche mit Monokultur für Futtermittel
Agrarfläche mit Monokulturanbau, Tom Fisk (Pexels)

Das gibt mir zu denken. Macht es wirklich Sinn, so viel Fleisch zu essen und damit so viel Ackerland zu beanspruchen? Wertvolle Fläche, die begrenzt ist. Fruchtbarer Boden, den wir übrigens jährlich immer mehr verlieren. Ich denke nicht. Es sollte mehr des Essens direkt auf unserem Teller statt im Futtertrog landen. Es sollten weniger Kalorien durch diesen Umweg über Tiere verloren gehen. Wenn alle Deutschen einen Tag pro Woche nur auf Fleisch verzichteten, würden bereits 5 % der deutschen Ackerfläche (595.000 Hektar) frei. Eine kleine Veränderung, die so einen großen Unterschied machen kann. Besonders, wenn so viele Menschen auf der Welt noch immer Hunger leiden, obwohl genug für alle da sein könnte.

Der große Futtermittelbetrieb ernährt nicht die Welt

Auf meiner Reise gehe ich der Frage nach, wer die Menschen der Welt ernährt, und ich komme nach meiner Tour durch Deutschland zum Schluss, dass es die Höfe mit den riesigen Maisfeldern wohl nicht sind. Ein solcher Futtermittelbetrieb ernährt die Tiere, die Schweine im Mastbetrieb in Niedersachsen, aber kaum die Menschen. Auch wenn der Hof riesengroß ist, kommen am Ende nur sehr wenige der angebauten Kalorien wirklich bei den Menschen an. So wenige, dass ein kleiner Gemüsebetrieb, der die Lebensmittel direkt anbaut, am Ende vielleicht sogar mehr dazu beiträgt, dass die Menschen tagtäglich genügend zu essen auf ihren Tellern haben.

Nun bin ich neugierig, woher das Gemüse kommt, das ich frisch in den Regalen des Supermarkts finden kann. Es wird wohl bald Zeit für eine neue Reise.


Das Projekt „Wer ernährt die Welt“ wird gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des

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10. August 2026