Wer ernährt die Welt?
Auf den Spuren unserer Lebensmittel
Ich fahre gerade mit dem Zug quer durch Deutschland. Vor meinem kleinen Fenster sehe ich tausende grüne Stängel, die im Sekundentakt vorbeiziehen. Ihre langen kräftigen Blätter ragen stolz in den Himmel und in ihnen verborgen wächst eine sehr bekannte Frucht: der Mais. Millionen von Kolben reifen in Deutschland auf riesigen Äckern, die etliche Fußballfelder groß sind. Das war nicht immer so. Während im Jahr 2000 die Pflanze noch auf etwa 1,52 Millionen Hektar angebaut wurde, sind es 2025 bereits 2,45 Millionen. Eine Fläche, die ich mir nur schwer vorstellen kann, zu groß für meine Fantasie. Vergleichen könnte man sie in etwa mit der Fläche von 3,4 Millionen Fußballfeldern oder 27 Mal der Fläche von Berlin vergleichen. Etwas greifbarer mein letzter Vergleich: die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern. So viel Mais wird in Deutschland angebaut.

Die aus Mittelamerika stammende Pflanze ist nach dem Weizen mittlerweile die zweitwichtigste Kultur auf deutschen Äckern. Kein Wunder also, dass ich sie beinahe auf jeder meiner Zugfahrten sehe. Die üppigen Felder sind omnipräsent. Nicht in allen Regionen gleichermaßen und doch fallen sie mir immer wieder ins Auge. Ich frage mich, was mit all dem Mais geschieht. Wohin werden die Kolben gebracht, wenn sie nach einem warmen Sommer ausgereift sind? Landen sie größtenteils auf meinem Teller oder doch woanders?
Wofür Mais genutzt wird
Wir essen tatsächlich nur einen ganz kleinen Teil des hier angebauten Maises direkt. Als Kolben bei einem geselligen Grillabend auf dem Feuer gebraten, als Popcorn im Kino oder als süße Cornflakes zum schnellen Frühstück. Geschätzt schaffen es nur etwa 2 % der gesamten Ernte vom Acker als Maisprodukt auf unseren Teller. Ein viel größerer Teil landet woanders. Ein Drittel der gesamten Maisernte wird für die Biogasproduktion verwendet, um beispielsweise Strom und Wärme zu erzeugen. Und der größte Anteil des Maises wird hierzulande hauptsächlich als Tierfutter genutzt und landet als Silo- oder Körnermais in Ställen und Großbetrieben. Indirekt ernährt uns dieser Anteil also schon, wenn auch mit erheblichen Kalorienverlusten durch den Umweg über die Tiere. Dass diese Verluste auf einer globalen Skala nicht unerheblich sind, zeigt eine Berechnung des UN-Umweltprogramms. Dabei wurden nicht nur der Mais, sondern auch alle sonstigen angebauten Futtermittel berücksichtigt. Bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel gehen so viele Kalorien verloren, die theoretisch 3,5 Milliarden Menschen ernähren könnten. Ernähren sich Tiere also nicht ausschließlich vom Gras auf der Weide, sondern erhalten zusätzliches Kraftfutter, könnten die dabei verlorenen Kalorien etwa 40 % der Weltbevölkerung satt machen.

Auf den Spuren meines Einkaufskorbs
Ich sitze noch immer im Zug und hänge meinen Gedanken nach. All die großen Zahlen schwirren durch meinen Kopf. Die vielen Maisfelder, so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Die wenigen Kolben, die schlussendlich auf meinem Teller landen. Woher kommt dann mein Essen, wenn nicht von diesen großen Feldern? Wer sind die Menschen und Höfe, die mich ernähren? Ich bin es so gewohnt, mein Essen im Supermarkt zu kaufen. Diesem Paradies der riesigen Auswahl. Mit leerem Korb in der Hand ziehe ich oft einmal wöchentlich durch die Gänge und kann mir meine liebsten Produkte aussuchen. Olivenöl aus Griechenland, einen Fenchel aus Italien, einen Joghurt aus Deutschland und eine Tiefkühlpizza aus der EU. Jedes Mal sieht mein Einkauf etwas anders aus, doch immer habe ich genug in meinem Korb. Dass das nicht allen so geht, ist mir sehr bewusst.
Gemäß des Weltagrarberichts leiden 733 Millionen Menschen auf unserer Welt Hunger. Das sind etwas weniger als 9 Mal die Bevölkerung Deutschlands oder ein Mal die von ganz Europa. So viele Menschen haben nicht genug zu essen. Und im Gegensatz dazu stehen 2,5 Milliarden Menschen, die an Übergewicht und krankmachender Fettleibigkeit leiden, wo es zu viele Kalorien sind, die konsumiert werden.
Es wäre genug für alle da
Diese ungleiche Verteilung lässt die Gedanken in meinem Kopf weiter schwirren. Die Zahlen zeigen, dass genug für alle da wäre – vor allem, wenn wir verantwortungsbewusst anbauen und konsumieren.
Aber um bewusst zu konsumieren, muss man erst einmal herausfinden können, was hinter den Lebensmitteln steckt, die man kauft. Ich weiß im Supermarkt zwar teilweise, aus welchen Ländern meine Lebensmittel stammen, aber wer sie produziert hat und wie diese Höfe aussehen, das weiß ich meistens nicht. Sind es die großen Industriebetriebe, die mein Essen anbauen? Oder doch die kleinen Höfe? Und ist es häufiger ein Bauer oder doch eine Bäuerin, die die Pflanzen auf dem Acker pflegt?

Ich begebe mich auf eine Reise
Mit jeder Minute des Nachdenkens und Recherchierens bewegt sich mein Zug etwas näher an meinen Zielbahnhof. Unzählige Maisfelder und gleichförmige Kiefernwälder liegen schon hinter mir. Die Frage danach, wer unser Essen produziert, hat mich gepackt. Ich weiß so wenig und möchte mehr lernen – einerseits darüber, wie die Situation in Deutschland ist, aber auch global. Wer ernährt die Welt?
In mir wächst der Wunsch, mehr über Nahrung und Landwirtschaft zu lernen – einer der wichtigsten Grundlagen unseres Lebens, und doch weiß ich noch immer zu wenig.
Dabei gibt es so viele spannende Welten zu entdecken und ich möchte mit meinen nächsten Reisen tiefer eintauchen in das Thema der Futtermittel für Nutztiere, ich will herausfinden wer denn unser Gemüse anbaut, woher unser Obst kommt und auch verstehen, welche Rolle Frauen in unserer Landwirtschaft spielen.
Die Ansage des Zugführers holt mich wieder zurück in die Gegenwart. Mein Zielbahnhof ist nur noch wenige Minuten entfernt. Zeit, die Sachen zu packen. Ich bin am Ende dieser Reise angelangt, aber durch die tausenden von Maiskolben außerhalb meines Zugfensters zu einer neuen inspiriert worden: einer Reise zu all den Orten, die mir mehr darüber erzählen, wer denn eigentlich die Welt ernährt. Die Vorfreude ist schon da. Bald bin ich wieder unterwegs.