Vielfältige Perspektiven, konstruktive Gespräche
Wo stehen Frauen in der Schweizer Landwirtschaft? Was hat sich bereits verändert, was soll sich noch verändern? An einer öffentlichen Veranstaltung liessen wir Menschen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu diesen Fragen zu Wort kommen.

Gemeinsam mit der OGG Bern und dem Förderverein Weltacker Bern lud Weltacker Schweiz am 30. Mai zu Referaten und Podiumsdiskussion auf die Rütti in Zollikofen. Barbara Kunz machte als Vizepräsidentin der OGG Bern, Bäuerin und Landfrau in ihrem Grusswort klar: «Frauen sind der Kitt in der Landwirtschaft». Sie übernehmen verantwortungsvolle Aufgaben, zum Beispiel sind sie oft Hüterinnen der Finanzen, und sie legen abseits von Klischees dort Hand an, wo es nötig ist.
Vieles davon geschieht aber im Hintergrund, kaum sichtbar und ohne finanzielle Absicherung. Agrarhistoriker Peter Moser erklärte in seinem Referat: In der Schweiz wurden Bäuerinnen in der Zwischenkriegszeit zu Co-Betriebsleiterinnen. Doch in den Statistiken tauchten sie nicht auf, sie galten als «nicht erwerbstätig».
Auch heute noch haben Frauen in Landwirtschaftsbetrieben oft keinen offiziellen arbeitsrechtlichen Status, wie Christine Bühler, Mitte-Grossrätin und ehemalige Präsidentin des Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverbands, betonte. Zwar könnten sie sich als Angestellte mit AHV, als Mitbewirtschafterin oder als Selbständigerwerbende registrieren. Aber oftmals werden diese Möglichkeiten nicht ausgeschöpft, was beispielsweise bei einer Trennung zu finanziellen Problemen führen kann.
Handlungsbedarf sieht Christine Bühler bei der landwirtschaftlichen Bildung, bei den kantonalen Betriebsberatung, aber auch bei den betroffenen Menschen selber. Sie hinterfragte traditionelle Vorstellungen, die in vielen Köpfen stecken: «Ist der Familienbetrieb, den wir als Ideal betrachten, für die Zukunft wünschenswert?» Sie habe Zweifel daran, dass jüngere Menschen dies so möchten.
«Wo ist der Chef?»
Ein Alternative zum Familienbetrieb zeigt der Radiesli-Hof in Worb, wo Ursina Töndury als landwirtschaftliche Mitarbeiterin tätig ist. Gegründet wurde dieser Betrieb von zwei Frauen als solidarische Landwirtschaft. Bewirtschaftet wird der Hof inzwischen von einer sechsköpfigen Gruppe – fünf Frauen und ein Mann. Und doch hat Ursina Töndury schon erlebt, dass jemand auf den Hof kam und fragte: «Wo ist der Chef?» – und damit selbstverständlich den einzigen Mann im Team meinte.
Doch sie bleibt zuversichtlich. Die Menschen in ihrem Umfeld haben dazugelernt, sich an den vorwiegend von Frauen geführten Hof gewöhnt. Solche Vorbilder tragen dazu bei, dass weitere Frauen landwirtschaftliche Aufgaben ausserhalb des konventionellen Rollenbilds übernehmen.
Nach den kurzen Referaten von Peter Moser, Christine Bühler und Ursina Töndury führte Moderatorin Johanna Herrigel die drei durch eine Podiumsdiskussion, bei der auch das Publikum involviert wurde. Die Diskussionen wurden anschliessend bei einem Apéro weitergeführt. Und dies fernab von Polarisierung in respektvoller und konstruktiver Weise.