Wer ernährt die Welt (Kapitel 5)

Frauen in der Landwirtschaft

Ich habe mich auf eine Reise begeben und mehr versucht dazu herauszufinden, wer und was denn eigentlich die Menschen auf dieser Welt ernährt. Die großen Maisfelder sind es nicht, auch wenn sie auf den ersten Blick nach sehr viel Nahrung aussehen. Und auch die großen industriellen Tierhaltungsbetriebe tun es nicht, vor allem wenn man die allgemeine Effizienz betrachtet. Denn es gehen unglaublich viele Kalorien verloren, wenn man Lebensmittel von wertvollen Ackerflächen erst an Tiere verfüttert, anstatt sie direkt zu essen. Ich habe bei meiner Reise zudem gelernt, dass viel Obst aus dem Süden von Europa kommt, doch dass leider mit dem Klimawandel und den Sommerdürren die Ernteausfälle in diesen Intensivanbauländern immer größer werden. Sie ernähren uns noch, aber wie lange?

Dann habe ich die Geschichte der indischen Bäuerin Jyothi erzählt, die im Bundesstaat Andhra Pradesh lebt und den Familienhof auf Natural Farming umgestellt hat. Sie wurde von einer gesundheitlich angeschlagenen Schwangeren, die sich um das geringe Gewicht ihres Neugeborenen sorgte, zu einer ausgebildeten Mentorin und einer Farm Scientist, die ihre Familie ernährt und deren Gesundheit maßgeblich verbessert hat.

Diese Geschichten von den vorherigen Stationen meiner Reise kannst du in den jeweils verlinkten Artikeln lesen.

Bäuerin in Baumwollfeld
Baumwollbäuerin, Equalstock (Unsplash)

Frauen ernähren die Welt maßgeblich mit

Meine Reise nach Indien hat mir einmal mehr bewusst gemacht, wie wesentlich die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft ist und wie ungleich die verschiedenen Geschlechter in diesem Sektor behandelt werden. Auch die UN sieht dieses Thema als sehr relevant an und hat das Jahr 2026 zum „International Year of the Woman Farmer“ erklärt, um die wertvolle, oft auch unbezahlte und ungesehene Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft sichtbarer zu machen. Wenn ich mich also der Frage widme, wer denn die Welt ernährt, muss eine Antwort darauf sein: maßgeblich auch die Frauen! Darüber möchte ich heute berichten. Schätzungen zufolge produzieren Frauen rund die Hälfte unserer Nahrung, im Globalen Süden sogar um die 80 % von dem, was auf dem Teller landet. Und trotzdem gehören Frauen nur 15 % des Landes, auf dem angebaut wird, denn es ist vielerorts noch immer Tradition, dass das Erbrecht die Männer bevorzugt. Frauen haben daher weniger Mitspracherecht und dürfen seltener entscheiden, was auf den Ackerflächen angebaut, oder wo und wie es verkauft wird. Und auch wenn sie an gewissen Orten inoffiziell dennoch mitreden dürfen, sind Frauen die Rechte an ihrem Land nicht sicher, und sie sind konstant abhängig von anderen und deren Gutmütigkeit.

Frauen arbeiten gemeinsam auf dem Feld und lachen
Frauen arbeiten auf dem Feld, Equalstock (Unsplash)

Die gesamte Gemeinschaft profitiert von gleichberechtigten Frauen

Dabei würde es sich lohnen, den Frauen die rechtliche Obhut der Ackerflächen zu übertragen. Beispiele haben gezeigt, dass gesicherte Landrechte für Frauen oft bessere Lebensbedingungen für sie und ihre Familien mit sich bringen, dass sie dadurch auch mehr Mitspracherecht im Haushalt und in lokalen Gemeinschaften haben, dass die Kinder besser ernährt sind und dass sie seltener Opfer von sexualisierter Gewalt werden. Und nicht nur diese Lebensbedingungen würden sich zum Besseren verändern, Schätzungen zufolge könnten zusätzliche 45 Millionen Menschen sicher ernährt werden, wenn Frauen in der Landwirtschaft gleichwertig behandelt würden und man ihnen den gleichen Zugang zu Ressourcen und Rechten ermöglichen würde. Sie können dann selbst entscheiden, was sie auf ihren Äckern anbauen möchten und selbstbestimmter wirtschaften.

Es hat sich nämlich gezeigt, dass Frauen eine solche Chance auf Verantwortung meistens entschlossener und zielstrebiger ergreifen als Männer. Sie handeln zudem nachhaltiger, weil es für Frauen oft eine existenzielle Notwendigkeit ist, eine weiterblickende Perspektive auf die Zukunft in ihre Entscheidungen zu integrieren. Sie berücksichtigen die langfristige Versorgung ihrer Familien und Gemeinschaften und handeln deswegen oft ressourcenschonender. Von diesem vorausschauenden Blick und der Integration von Lebensrealitäten der Frauen in der Landwirtschaft profitieren Gemeinschaften auch bei gemeinschaftlichen Entscheidungen, weswegen es wichtig ist, den Frauen die Teilhabe daran zu ermöglichen.

Die Realität sieht aber in vielen Teilen der Welt noch anders aus. Viele Frauen arbeiten kostenlos auf dem Feld und um das Haus mit. Und jene, die für ihre Arbeit in der Landwirtschaft tatsächlich entlohnt werden, verdienen im Schnitt noch immer 78 Cent für die gleiche Arbeit, für die ein Mann einen ganzen Dollar verdient. Doch nicht nur beim Einkommen sind Frauen in der Landwirtschaft benachteiligt, auch bei der Ernährung selbst. Frauen und Mädchen leiden weltweit am stärksten an Hunger und Mangelernährung und sind häufiger von Ernährungsunsicherheit betroffen als Männer und Jungen – obwohl sie so viel Zeit und Arbeitskraft in den Anbau von Nahrungsmitteln für ihre Familien investieren. „Gender Food Gap“ wird dieser ernährungsmäßige Unterschied zwischen den Geschlechtern genannt. Besonders in ländlichen Regionen des Globalen Südens sind Frauen und Mädchen besonders gefährdet, aber auch in Europa und Nordamerika besteht zwischen den Geschlechtern ein deutlicher Unterschied.

Eine Bäuerin mit Kühen und eine Stab in der Hand
Eine Bäuerin mit ihren Tieren, Equalstock (Unsplash)

Die Lösungen sind da

Es besteht also Handlungsbedarf, für unser aller Wohl. Erhalten Frauen Zugang zu gesicherten Landrechten, profitiert die gesamte Gesellschaft: die Menschen jetzt und auch die zukünftigen Generationen. Ja, die Probleme sind noch immer da, aber die Lösungen auch. Und Beispiele, wie die aus Indien (Link Artikel 4), zeigen, dass diese Lösungen funktionieren und auch in Zeiten des zunehmenden Klimawandels einen realen Weg bieten können, um Ackerland nachhaltig zu bewirtschaften. Denn Humus, dieses „braune Gold“, ist eine endliche Ressource, und wir verlieren jährlich große Mengen von unserem fruchtbaren Boden, auf dem unsere Nahrungsmittel und Konsumgüter gedeihen.

Rein rechnerisch stehen jedem Menschen dieser Welt noch im Schnitt 2000 Quadratmeter fruchtbarer Boden zur Verfügung. Das ist eigentlich genug, um alle gesund ernähren zu können. Der europäische Konsumstil braucht aber deutlich mehr Ackerland, rund 3000 Quadratmeter pro Person, ein gutes Drittel mehr, als uns eigentlich zustünde. Zeit also, diesen Verbrauch zu reduzieren. Wer selbst nachrechnen möchte, wie viel Ackerfläche das eigene Essen braucht, kann das mit unserem Flächenrechner tun. Und wer es noch praktischer erleben möchte, kann einen der vielen Weltäcker besuchen, die es bereits in Deutschland, Europa und der Welt gibt. Diese zeigen, wie sich die Welt aktuell ernährt und auch noch in Zukunft ernähren kann.

Kleine, vielfältige Betriebe für eine klimaresilientere Zukunft

Ich habe mich vor einigen Wochen auf den Weg gemacht, um der Frage nachzugehen: „Wer ernährt die Welt?“, und ich habe auf meinen Entdeckungsreisen einige Antworten darauf gefunden. Nebst vielen fleißigen Männern ernähren viele Frauen die Weltbevölkerung maßgeblich und nachhaltig. Besonders in einkommensschwachen Ländern. Die Frauen könnten sogar noch mehr Menschen ernähren, wenn man ihnen gleiche Ressourcen und Rechte geben würde. Bei einer Welt, in der noch immer 673 Millionen Menschen Hunger leiden müssen, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn eigentlich schon jetzt genügend Kalorien, nämlich 3000 pro Person, zur Verfügung stehen – für viele Menschen ist die Ernährung nicht gesichert, auch wenn wir eigentlich nur 2500 Kalorien für ein gesundes Leben bräuchten. Es ist schon jetzt genug für alle da, und doch wird sich wohl einiges verändern müssen.

Die großen Monokulturen und Futtermittelbetriebe helfen uns nur bedingt dabei, weiter den Hunger der Menschen zu stillen. Sie sind häufig zu ineffizient und zu anfällig, besonders für den sich noch verstärkenden Klimawandel. Resilienter ist ein Anbau mit regenerativen Methoden, der Vielfalt, Bodengesundheit und Wasserspeicherkapazität ins Zentrum stellt. Die südeuropäischen Intensivkulturen sollten nicht noch mehr belastet werden, stattdessen müssen wir auf lokale Märkte mit kleinbäuerlichen anbauenden Betrieben setzen, die ihr Gemüse regional und zukunftsorientiert anbauen. Von dem Projekt in Indien können wir lernen, wie das erfolgreich funktionieren kann und dass eine Transformation des Systems möglich ist.

Meine Reise hat mir gezeigt, dass der Wandel in der Landwirtschaft bereits im Kleinen angestoßen wird und dass es unglaublich viele tolle Beispiele von zukunftsfähiger Landwirtschaft gibt, teilweise auch mit großem Erfolg. Wir dürfen und müssen von ihnen lernen und gemeinsam ein neues Kapitel aufschlagen, denn es ist genug Fläche und Essen für alle da, um alle Menschen auf dieser Welt gesund zu ernähren. Die Lösungswege erscheinen mir auf der Reise fast schon offensichtlich, doch erfordern sie Mut und ein umfassendes Umdenken.


Das Projekt „Wer ernährt die Welt“ wird gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des

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8. Oktober 2026