Wer ernährt die Welt (Kapitel 4)
Natural Farming Revolution in Indien
Vor einiger Zeit bin ich zu einer Entdeckungsreise aufgebrochen. Ich weiß nämlich viel zu wenig darüber, wer denn die Menschen und Orte sind, die mich ernähren. Ich möchte mehr dazu herausfinden, woher die Lebensmittel kommen, die ich jeden Tag esse und wer sie angebaut hat.
Was ich bisher entdeckt habe
Als Erstes bin ich bei meiner Reise durch Deutschland entlang von riesigen Maisfeldern gefahren und habe herausgefunden, dass nur ein kleiner Teil dieser Maiskolben am Ende tatsächlich auf meinem Teller landet. Wirklich ernähren tun mich diese Felder also nicht. Auf meiner zweiten Reise habe ich zwei sehr unterschiedliche Höfe besucht: einen Schweinemastbetrieb, wo die Tiere ihr Leben lang drinnen sind, und eine Galloway-Rinderherde, die ihr gesamtes Leben auf der Weide verbringt. Dabei nutzt unerwarteterweise ein Hof die Flächen in Sachen Kalorienproduktion besser und ernährt mich effizienter. Auf meiner letzten Reise war ich der Herkunft meines Gemüses auf der Spur und habe mehr dazu herausgefunden, wie die extreme Trockenheit dieses Sommers dessen Ernte beeinflusst und dass es Anbaumethoden gibt, die besser mit der Trockenheit klarkommen, die in Zukunft nicht weniger wird.

Heute geht die Reise nach Indien
Bisher hat sich meine Erkundungstour nur innerhalb Europas bewegt. Heute drehen wir die Weltkugel jedoch etwas weiter und reisen in das Land, in dem sich gerade eine neue Revolution in der Landwirtschaft anbahnt: Indien. Genauer gesagt geht es heute in den südöstlich gelegenen Bundesstaat Andhra Pradesh. Ein langgezogener Streifen, am Golf von Bengalen mit fruchtbaren, dicht besiedelten Flussdeltas, bewaldeten Hügelketten und trockenem, felsigem Hochland im Landesinneren.
In dieser Region, in einem Dorf namens Santapalem, lebt Jyothi Bobbili, eine junge Mutter, die einst im Personalwesen gearbeitet hat. Auch ihr Mann war früher bei einer privaten Firma tätig. Doch dann wurde Jyothi schwanger und zog wieder zu ihrer Familie aufs Land, die wie so viele auf ihrem Acker „Chemical Farming“ betrieb. So nennt man in Indien den konventionellen Anbau von Lebensmitteln. Sie half auf den Feldern mit und hatte zunehmend mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Jyothi war kein Einzelfall, auch für den Rest der Familie war es normal, mehrmals im Monat zum Arzt gehen zu müssen.
Durch Frauen-Selbsthilfegruppen zu Natural Farming
Doch dann hörte Jyothi in der Frauen-Selbsthilfegruppe in ihrem Dorf das erste Mal von Natural Farming – einer ökologischen Art der Bewirtschaftung von Land, die Bodengesundheit und Biodiversität in den Fokus stellt. Dieser alternative Ansatz weckte ihr Interesse. Als dann bei einem der nächsten Treffen Herr Srinu von Rythu Sadhikara Samstha (RySS) die Idee etwas ausführlicher vorstellte, wurde Jyothi bewusst, wie stark die Gesundheit des Bodens, der Pflanzen und der Menschen eng miteinander verbunden ist. Und dass ihr Geld grundsätzlich nichts bringt, wenn es ihr und ihrer Familie nicht dabei hilft, wieder gesund zu werden – und gesund zu bleiben.
Also begann Jyothi zu experimentieren und Teile des Ackers ihrer Familie auf Natural Farming umzustellen. Dabei wird auf synthetischen Dünger, Pestizide und genetisch veränderte Organismen verzichtet, und man erhöht das mikrobielle Leben im Boden, nutzt Mulch oder Bodendecker, lässt stärkende Pflanzen in vielfältigen Gemeinschaften wachsen und minimiert die Bearbeitung des Ackers. Bei Natural Farming soll ein Kreislauf innerhalb des Betriebs entstehen, damit die Anbauenden möglichst unabhängig sind.

Andhra Pradesh: Ein Bundesstaat im landwirtschaftlichen Wandel
Jyothi ist bei Weitem nicht die Einzige, die ihren Betrieb auf Natural Farming umgestellt hat. Sie ist Teil eines der größten Agrar-Umstellungsprojekte weltweit: Andhra Pradesh Community-Managed Natural Farming (APCNF), das von der Rythu Sadhikara Samstha (RySS) getragen wird, einer gemeinnützigen Organisation im Besitz der Regierung von Andhra Pradesh. Das graswurzelbasierte Projekt begann 2016 mit 40.000 Landwirt:innen im indischen Bundesstaat und umfasst nun zehn Jahre später bereits 1,76 Millionen. Organisiert wurde alles über das bereits erwähnte Netzwerk aus Frauen-Selbsthilfegruppen, durch das auch Jyothi Natural Farming für sich entdeckte. Vision des Projekts APCNF ist es, dass bis 2036 sechs Millionen Bäuerinnenfamilien und zwei Millionen Landarbeiterfamilien Teil dieser lebendigen Natural-Farming-Wirtschaft sind und dass die Erkenntnisse zu dieser natürlichen Anbauweise ihren Weg in den Rest von Indien und in die Welt finden können.
2021 entdeckte Jyothi Natural Farming, und was damals als ein kleiner erster Versuch begann, hat sich mittlerweile zu einer stabilen und nachhaltigen Einkommensquelle entwickelt. Jyothi verdient nun um die 1.844 Euro pro Jahr, was etwa dem nationalen Durchschnittseinkommen entspricht. Sie verkauft ihre Ernte direkt vom Feld oder an lokale Läden. Zusätzlich zu ihren Einkünften kann sie sich, ihre Familie und die Dorfgemeinschaft mit qualitativ hochwertigen und gesunden Lebensmitteln vom eigenen Feld versorgen. Ein kleiner Acker ernährt so viele – und das ganz ohne den Einsatz von synthetischen Chemikalien.

Eine zusätzliche Erntesaison wird möglich
Ein stabiles Einkommen ist mit Natural Farming möglich, weil so geplant wird, dass ganzjährig Kulturen angebaut werden können, was stetige Einkünfte möglich macht. Erreicht wird dies einerseits mit vielfältigen Mischkulturen, die auch Deck- und Zwischenfrüchte enthalten, und andererseits mit der Ermöglichung einer dritten Ernteperiode. In der wasserarmen Zeit vor dem Monsun wird bei Natural Farming nämlich ebenfalls ausgesät. Dies funktioniert, weil die Samen zuvor pelletiert werden, das heißt, mit mehreren Schichten aus Dung- und Nährpräparaten, Asche, Wasser und Tonstaub umhüllt, sodass sie auch ohne Regen wachsen können. Ein großer Unterschied zu den benachbarten „Chemical-Farming-Feldern“, die es sich in jener trockenen Zeit gewohnt sind, staubig und kahl ohne jegliche Bepflanzung erst auf die Regensaison warten zu müssen, um wieder produktiv zu sein. Auf dem Feld von Jyothi jedoch sieht man in dieser regenarmen Periode schon vielfältig Grünes gedeihen.
Benedikt Haerlin, der das Projekt schon mehrmals besucht hat, hat von den Menschen aus Andhra Pradesh gelernt, wie dort auch in trockenen Zeiten Pflanzen wachsen können: „Die Pflanzenmischung auf den Feldern „erntet“ dabei das fehlende Wasser aus dem Tau am Morgen und Wasserdampf in der Luft; je größer die Biomasse, desto effektiver. Und je poröser und durchwurzelter der Boden auch in tieferen Schichten ist, desto mehr Feuchtigkeit speichert er in seinen Zwischenräumen. Sie entstehen durch die Vielfalt der Wurzeln und ihrer Mikroorganismen und bleiben durch minimale Bodenbearbeitung über die Jahre erhalten.“ Hier geht es zu seinem vollständigen Reisebericht.
Die Gesundheit des Bodens und der Menschen verbessert sich
Mit diesem System kann an 365 Tagen des Jahres angebaut werden, während gleichzeitig der Boden organisch gelockert, mikrobiotisch belebt und seine Wasserspeicherfähigkeit und Resilienz gegenüber Klimastress stets erhöht wird. Dies kommt Jyothi nicht nur in der Trockenzeit zugute, sondern reduziert den Bewässerungsbedarf auch in den restlichen Phasen des Jahres, was Kosten verringert und Einkünfte erhöht.
Durch Natural Farming hat sich Jyothi aber nicht nur eine gute Einkommensquelle aufgebaut, auch die Gesundheit ihrer Familie hat sich in eine positive Richtung entwickelt. Die nun vielseitigere und nährstoffreichere Ernährung und der Wegfall von Pestiziden haben die Anzahl der vorher regelmäßig stattfindenden Arztbesuche deutlich verringert. Und besonders die Gesundheit der Frauen und Kinder, die gemäß Jyothi als Erstes unter den Folgen von mangelhafter Ernährung leiden, konnte durch die Umstellung auf Natural Farming deutlich verbessert werden.

Eine experimentierfreudige Mutter wird zur ausgebildeten Mentorin
Um die Prozesse auf dem Acker auch tiefgründig verstehen und sachverständig optimieren zu können, hat sich Jyothi drei Jahre nach Umstellung auf Natural Farming dazu entschieden, eine Ausbildung zum Farmer Scientist der Indo-German Global Academy for Agroecology Research & Learning zu absolvieren. Dabei wird neben Wissensvermittlung in Klassenzimmern viel auf den Feldern experimentiert, die Ernten und Kosten und Erkenntnisse protokolliert und neue Innovationen entwickelt. Jyothi erzählt, dass sie damit die Vorteile von Natural Farming mit realen Daten belegen konnte, statt nur Annahmen zu treffen. Während ihrer Ausbildung begann Jyothi zudem, andere mit ihrem Wissen zu unterstützen, und entwickelte sich so von einer Mutter, die sich um das Untergewicht ihres Neugeborenen und die Gesundheit ihrer Familie sorgte, zu einer erfahrenen Mentorin, die nun 20 anderen Landwirt:innen hilft, ebenfalls Natural Farming zu praktizieren. Und so ernährt nicht nur sie mit ihrem kleinen Acker viele andere Menschen mit gesundem Essen, sondern auch etliche weitere Landwirt:innen, die von ihr lernen durften.
Bei dieser Reise zu Jyothi nach Indien wurde einmal mehr deutlich, dass Frauen in der globalen Landwirtschaft nicht nur eine Nebenrolle spielen. Im Gegenteil: Viele Frauen tragen sehr wesentlich dazu bei, dass es in dieser Welt genügend Nahrung gibt. Darüber möchte ich in meiner nächsten und letzten Reise noch mehr lernen und freue mich, meine abschließenden Erkenntnisse dazu, wer denn die Welt ernährt, schon bald mit dir teilen zu dürfen.
Das Projekt „Wer ernährt die Welt“ wird gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des
