Wer ernährt die Welt? (Kapitel 3)
Woher unser Gemüse kommt (in Dürrezeiten)
Vor kurzem habe ich mich gefragt, wer denn die Menschen und Orte sind, die uns ernähren. Wer baut eigentlich das an, was am Ende auf meinem Teller landet? Meiner Neugierde folgend habe ich mich auf eine Reise begeben, um mehr darüber herauszufinden, woher denn mein Essen kommt. Dabei habe ich bisher entdeckt, dass der großflächig angebaute deutsche Mais nur zu einem sehr kleinen Teil wirklich direkt gegessen wird. Und ich habe herausgefunden, dass es sehr ineffizient ist, wertvolle Agrarfläche für den Anbau von Tierfutter zu nutzen. Mehr dazu kannst du in den beiden verlinkten Artikeln lesen.
Heute beginnt meine Reise nicht auf einem Feld oder einem Hof wie die letzten Male, sondern mit einer Schlagzeile: Diesen Sommer haben Hitze und Trockenheit ganze Landstriche in Spanien und Frankreich ausgetrocknet. Obst und Gemüse leiden spürbar unter dem Wassermangel, und Forschende warnen, dass sich solche Dürren in Europa künftig eher verstärken als abschwächen werden. Was für mich bislang eine abstrakte Zukunftssorge war, wird plötzlich ziemlich konkret: Da, wo bisher mein Gemüse wuchs, trocknet zunehmend der Boden aus.

Mein Wocheneinkauf mit anderen Augen
Für meinen Wocheneinkauf gehe ich heute in einen großen deutschen Supermarkt. Mit meiner üblichen Einkaufsliste, aber mit einer neuen Frage im Kopf: Sieht man der Gemüseauswahl schon irgendetwas von der Dürre an? Ist die Auswahl kleiner? Ich schaue genauer auf die Preisschilder als sonst. Karotten und Zwiebeln kommen aus Deutschland, die Tomaten aus Spanien. Auf den ersten Blick wirkt beinahe alles wie immer: volle Kisten, ähnliche Preise, kaum Hinweis auf Ausfälle. Das mag zunächst beruhigend wirken, doch bedeutet keinesfalls, dass alles auch so bleiben wird. Ernteausfälle in Spanien zeigen sich oft erst zeitversetzt, über sinkende Mengen und steigende Preise im Herbst, nicht sofort an der Supermarktkasse im Hochsommer.
Auch wenn zur warmen Jahreszeit üblicherweise mehr Gemüse aus Deutschland verfügbar ist, stammt aktuell dennoch einiges aus genau jenen intensiv bewirtschafteten Dürre-Regionen im Süden. Spanien ist mit Abstand Europas größte Gemüseproduzentin, gefolgt von Italien. Beide zusammen versorgen Europa, besonders im Winter, aber auch sonst, in großen Mengen mit frischem Gemüse. Global betrachtet sind die beiden europäischen Spitzenreiter aber kleine große Player. Indien produziert rund 10-mal und China sogar 40-mal so viel Gemüse. Doch auch diese zwei asiatischen Giganten haben 2026 mit Dürren und dem Klimawandel zu kämpfen. Europa ist nicht alleine, der Klimawandel betrifft die ganze Welt.
Noch liegen die saftigen Tomaten aus Spanien in meinem Einkaufswagen, neben den aus Deutschland stammenden Karotten, Kartoffeln, Äpfeln und Zwiebeln. Doch sind diese auch von der Trockenheit bedroht? Gemäß dem Deutschen Bauernverband teilweise schon. Denn der hat gerade seine Erntebilanz für 2026 vorgelegt, und die fällt deutlich schlechter aus als im Vorjahr. Aktuell sieht man es besonders bei Getreide, Kartoffeln und Äpfeln. Ausgerechnet in Süd- und Westdeutschland hat fehlender Regen teils zu regelrechten Missernten geführt. Und das hat auch einen Einfluss auf meinen Einkaufswagen, denn auch wenn Deutschland bisher einen Selbstversorgungsgrad von 87 Prozent hatte, ist es bei Obst und Gemüse viel abhängiger vom Ausland. Die Dürre macht also keinen Bogen um Deutschland und auch nicht um meinen Einkaufswagen, in dem ich die Folgen wahrscheinlich bald deutlicher sehen werde.

Eine mögliche (regenerative) Zukunft
Dieser Blick in die Zukunft macht mir Angst. Ich frage mich, welche Möglichkeiten es gibt, um sich auch in den kommenden Jahrzehnten ausreichend mit Gemüse und Obst versorgen zu können, wenn Hitze, Trockenheit und Extremwetterereignisse in Europa mit großer Wahrscheinlichkeit zunehmen werden. Gibt es Anbaumethoden, die Böden und Ernten widerstandsfähiger machen? Natürlich wird einerseits an Sorten geforscht, die resistenter sind und dabei wird auch viel Gentechnik eingesetzt, die nicht unbedingt unumstritten ist.
Ein ganzheitlicherer, mehr systemischer Ansatz ist es jedoch, regenerative Landwirtschaft zu betreiben. Dazu zählen Praktiken wie Zwischenfruchtanbau, reduzierte Bodenbearbeitung, vielfältigere Fruchtfolgen oder Agroforstsysteme mit Schattenbäumen. Sie sollen Böden mehr Feuchtigkeit speichern lassen und Pflanzen widerstandsfähiger gegenüber Dürre, Hitze und Schädlingen machen. Ein Langzeitversuch aus Österreich auf einem trockenen, kontinentalen Standort zeigt tatsächlich, dass sich die Bodengesundheit unter diesen Verfahren über die Zeit spürbar verbessert.
In Jahren mit Extremwetter oder starkem Schädlingsdruck schneiden regenerativ bewirtschaftete Flächen oft stabiler ab als konventionelle Nachbarflächen: Eine Analyse von über 1.200 französischen Betrieben aus den Jahren 2021 bis 2024 zeigt, dass regenerative Praktiken Ertragsverluste gerade in Stressjahren spürbar begrenzen können, und eine Studie von NABU und der Boston Consulting Group beziffert das Potenzial noch konkreter: Regenerative Höfe können ihr Risiko von Versorgungsengpässen in Dürrejahren um bis zu 50 Prozent senken. Ganz abgesehen davon, dass die regenerative Landwirtschaft an sich die Beiträge der Landwirtschaft zum Klimawandel zusätzlich reduzieren könnte. Immerhin verantwortet die Landwirtschaft derzeit weltweit rund 15 Prozent der CO2-Emissionen. Eine mehrjährige Analyse eines deutschen Ackerbaubetriebs zeigt, dass reduzierte Bodenbearbeitung, Zwischenfruchtanbau und Leguminosen die landwirtschaftlichen Emissionen um rund 30 Prozent senken können, bei sogar leicht gesteigertem Ertrag. Diese Möglichkeiten schenken mir Hoffnung, dass es auch in Zukunft noch gesunde Lebensmittel geben wird, mit denen wir uns versorgen können – wenn vielleicht auch mit etwas mehr Einschränkungen.

Kleine Höfe, große Höfe, und wer die Dürre besser übersteht
Zurück im Supermarkt. Ich komme bei der Kasse an und lege meinen Einkauf aufs Band. Während die bunten Vitaminlieferanten langsam nach vorne bewegt werden, träume ich von all den Orten, wo das Gemüse ursprünglich herkommt. Bilder von idyllischen kleinen Familienbetrieben und großen industriellen Höfen wechseln sich vor meinem inneren Auge ab. Doch was entspricht der Realität? Wenn man sich anschaut, wie groß die Höfe sind, von denen unser Essen kommt, zeigt sich eine Tendenz. Kleine Betriebe bewirtschaften zwar weniger Land, aber versorgen die Menschen zu großen Teilen mit Lebensmitteln. Sie sind unverzichtbar, nicht nur im Globalen Süden, sondern auch für die Ernährung von Menschen aus dem Globalen Norden. Und trotzdem werden immer mehr dieser wichtigen Kleinbetriebe verdrängt und Großbetriebe strukturell begünstigt.
Vor dem Hintergrund einer immer instabileren Klimazukunft wirkt das wie eine Entwicklung in die falsche Richtung. Es wurden die großen Betriebe bevorzugt, die vorwiegend auf riesigen Monokulturflächen anbauen und deren Kulturen viel exponierter in großer Menge gleichzeitig der Dürre oder Überschwemmungen zum Opfer fallen können. Immense Flächen, deren Risiko auf Ernteschäden und -ausfällen immer größer wird, je extremer das Klima. Und ausgerechnet die kleinen, vielfältigen Höfe, die sich in Dürre- und Extremwetterjahren am widerstandsfähigsten zeigen, sind über Jahrzehnte hinweg immer mehr an den Rand oder sogar aus dem Geschäft gedrängt worden.
Die nächste Reise steht schon an
Ich packe meine letzten Einkäufe ein und bin dankbar über die große Auswahl, die ich heute im Supermarkt auffand. Mir wird durch all die Schlagzeilen zu Dürren und Überschwemmungen immer mehr bewusst, dass diese Fülle an Lebensmitteln keine Selbstverständlichkeit ist. Und noch weniger bleiben wird. Wollen wir besser mit dem Extremwetter umgehen können, kommen wir wahrscheinlich um Änderungen in der Landwirtschaft nicht umhin. Und da lohnt es sich, auf jene Betriebe zu schauen, die diese neuen Ansätze schon lange erproben. Nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern. Besonders da, wo die Folgen des Klimawandels schon viel länger spürbar sind. Wer ernährt da die Menschen? Was hat sich verändert und kann Europa etwas davon für seine Zukunft lernen? Um mehr dazu herauszufinden, werde ich in meinem nächsten Artikel nach Indien reisen und besuche dort eine Bäuerin, die Teil einer kleinen, großen Revolution ist. Was da genau passiert, das erzähle ich dir beim nächsten Mal.
Das Projekt „Wer ernährt die Welt“ wird gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des
