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Amelie Dupuy-Cailloux
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Herbst und Winter in Quily, Bretagne

Wärme zieht von dannen, stechende Kälte hält Einzug

Im stillen Garten geben sich Herbst und Winter die Hand

Die letzen Rosen! Foto: Daniel Testard, Quily – Bretagne

Der Gärtner kann es nicht leugnen: der Klimawandel tut unaufhaltsam sein Werk. Das hat paradiesische Seiten: der Weinstock trägt bereits zwei oder drei Wochen früher als gewöhnlich schwer an seinen Früchten und schon nach Allerheiligen quellen die Erntekörbe über mit grünen Bohnen. Das hat nördlich der Loire, im bretonischen Klima, noch niemand gesehen! Danke dir, wunderbarer Schutzpatron der Gärten, dass du unsere Gebete in dieser Fülle erhörst. Aber zugleich, ach, hat sein Bruder, der Teufel, das Tor zur Hölle geöffnet. Mitten im Herbst ging der Porree in die Knie und legte sich zur Ruh; parasitengeplagt, der Stiel von einem kleinen roten Käfer zernagt. Er ist die Larve eines Falters, den warme Winde zu uns getragen haben. Erst vor wenigen Jahren ist dieser Parasit zum ersten Mal bei uns aufgetaucht. Diesen Herbst jedoch, flog er hier einen guten Monat länger herum. Nun wurde das Netz, welches Schutz vor dem Jäger bieten sollte, zu früh entfernt und unser Gemüse war ihm ausgeliefert. Also schnell das wertvolle Liliengewächs1 verzehren bevor es vollständig von dieser schrecklichen Minierfliege2 verdaut ist.

Der Garten unter einem grünen Phacelia-Dünger. Foto: Daniel Testard, Quily – Bretagne

Wie beunruhigend, dass unsere biologischen Gärten wohl bald vollständig mit Schutznetzen bedeckt sein werden. Diese verhindern zwar zum Glück auch den Einsatz von Chemie, gleichzeitig jedoch ist es schade um die Ästhetik des Gartens und bedauerlich um die Möglichkeit, unsere Schätze visuell zu überwachen. Die enge Verbindung mit unseren Blumen und Gemüsen bleibt verdeckt, der Gärtner ist frustriert, ebenso die Pflanze, die wie eingesperrt ist. Schlimm, dieser Zwang, allem eine Kapuze aufsetzen zu müssen, unter der möglicherweise bald auch jegliche Menschlichkeit verdeckt bleibt. Kaum ist die Natur dabei sich zu erholen, werden ihr erneut all diese Brutalitäten aufgezwungen.
Wäre es nicht besser von diesen ganzen beruhigenden und traurigen Dingen möglichst wenig zu wissen oder sich möglichst wenig damit zu beschäftigen, um, trotz allem, in Frieden leben zu können? Hoffen wir also, und zumindest das stimmt, dass neu entdeckte biologische und natürliche Schutzmaßnahmen zu Hilfe kommen und diesem so unkontrollierbaren Parasitismus, wie er sich uns heute zeigt, Einhalt gebieten können. Dafür sind wir alle verantwortlich. So ist es nun einmal und wir können hoffen, dass uns Forscher bald andere Lösungen anbieten können. 3

Hennen und Schafe picken die Wiese. Foto: Daniel Testard, Quily, Bretagne

Die Apfelbäume unter einer Blattabdeckung. Foto: Daniel Testard, Quily – Bretagne

 

Blätter im Wind und Würmer auf dem Feld

Ungefähr 150 Schubkarren voll Blätter (Buche, Eiche, Apfelbaum, Linde usw.) mit Ausnahme der Kastanie (zu viele Gerbstoffe) bedecken 30 Zentimeter dick den Garten. Sie werden dort abgeladen, wo zuvor weder Gemüse noch Gründünger gewachsen sind. Diese pflanzliche, biologische Schutzdecke schützt die Erde vor schlechtem Wetter und verhindert zugleich, dass sich Unkraut an der Stelle ausbreitet. Ich mag lieber Blätter als Stroh, welches sich in der Erde feststampft und ein ideales Umfeld für Feldmäuse und Nacktschnecken schafft. Im Frühjahr genügt es, das Laub einfach mit der Harke wegzuräumen und den Boden auf die Aussaat und Anpflanzung vorzubereiten. Im Mai und Juni hat die Erde alles verdaut. So können zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: das Aufsammeln der Blätter befreit die Wiese unter den Obstbäumen; Unkraut kann so wieder wachsen und von den Hühnern (wirklich!) und Schafen abgefressen werden.

Rosenkohl vor der ersten Ernte. Foto: Daniel Testard, Quily, Bretagne

Wenn der Garten so in seinen wohlverdienten Schlaf geschickt wird, kommt der Herbst zur Ruhe, der Winter hält Einzug und bereitet schon den Frühling vor. Denn, egal zu welcher Jahreszeit, der Gärtner tut gut daran, sich stets auf die nächste Jahreszeit einzustellen und den gesamten Kreislauf im Blick zu behalten. Umso mehr, da unter der Blätterdecke die Regenwürmer tanzen und sich so der Humus voller Hoffnung auf die Frühjahrsaussaat vermehren wird.

Vorsicht jedoch vor wildem Sauerklee4 dessen Wurzeln sich weigern unter der Blätterdecke zu schlafen und stattdessen weiter auf Abenteuerreise gehen. Dieser hübsche Neuling stammt aus professionellen Gärtnereien, verbreitet sich aber ohne unser Wissen und aufgrund unserer Unvorsichtigkeit sehr schnell, viel zu schnell, und überwuchert unsere Gärten. Besser ist es ihn aufzuhalten und ihn Ende des Sommers aus dem Boden zu ziehen. Man sollte ihn nicht kompostieren, denn das kann ihm nichts anhaben, sondern lieber im Gartenfeuer verbrennen. Auch die allzu bekannten widerspenstigen Quecke und die Winde sollten möglichst früh verschwinden um zu vermeiden, dass sie später zur Plage werden und sich der besten Hacke wiedersetzen.

Gute Besserung, Kohl! Foto: Daniel testard, Quily – Bretagne

Seit November sind die Chicorées, die ausgegraben, von Blättern befreit und im Oktober wieder vergraben wurden, erntereif. Sie überbrücken die Zeit bis zur Reife des Feldsalats und danach bis zum ersten Kopfsalat. Die Feldmäuse lassen sich diese gerne schmecken. Wenn man die Pflanze mit der Hacke herauszieht, was nicht dumm ist, dann zerstört man die unterirdischen Gänge, in denen die Mäuse zu den Wurzeln gelangen. Man muss zusätzlich noch daran denken, den ersten Frösten zuvorzukommen und den Winterrettich bis es wieder taut mit Pappe abzudecken. In der Bretagne sind das zwar nur höchsten drei Nächte im Jahr, aber bereits das reicht um alles zu verlieren. Eine Temperatur unter dem Gefrierpunkt gibt auch der Kapuzinerkresse den Rest; sie schrumpfen zu einem Teppich aus dem hübsche neue kleine Kapuzinerkressen an Stelle ihrer Vorfahren wachsen.

Die abgeblühten Stängel der Heilpflanzen sind zu starr für den Kompost und wandern auf den Altar des nächsten heiligen Gartenfeuers des Imbolc5-Festes im Februar.

An euren geliebten Acker,

ich wünsche euch ein schönes neues Jahr!

 

Französisch von Daniel Testard, Übersetzung von Sibylle Krickel

www.sacreschants.com

1 Liliengewächse: botanische Familie zu der Porree, Tulpen, Zwiebeln, Lilien, Maiglöckchen usw. gehören.

2 Minierfliege: umgangssprachlicher Name für eine kleine Fliege (3 mm), wissenschaftlicher Name Napomyza gymnostoma, deren Larve kleine Gräben in den Stiel von Porree frisst. Sie wurde das erste Mal 2003 im Elsass und etwa 2015 in der Bretagne gesichtet. Sie fliegt spät im Jahr (September bis Oktober).

3 Mögliche Lösungen sind zum Beispiel ätherische Öle (als Fungizide) oder die Bekämpfung der Schädlinge mit Nützlingen, wie zum Beispiel Marienkäfern, Wespen und Milben.

4 Sauerklee: wie eine kleine Kleesorte, stammt jedoch aus einer anderen botanischen Familie (die der Knöterichgewächse), wie zum Beispiel der Sauerampfer. Der Sauerklee stammt aus Nordamerika.

5  Imbolc: keltisches Fest der Reinigung und der Rückkehr des Lichts. Das Fest wird in der Nacht vom ersten zum zweiten Februar gefeiert und entspricht der christlichen Lichtmess.