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Vorgipfel der Ernährungssysteme

Bei einem „Vor-Gipfel“ in Rom vom 26.-28. Juli zu einem „Multi-Stakeholder“ Food Systems Summit der Vereinten Nationen, der im September in New York stattfinden soll, fehlen die meisten Nichtregierungs- Organisationen, Kleinbäuer*innen und kritischen Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Thema seit Jahren befassen. Sie werfen der Industrie und deren Freund*innen in der Wissenschaft und internationalen Institutionen mangelnde Transparenz und eine feindliche Übernahme des internationalen Dialoges vor.

Alles bunt und vielfältig? Um den Food Systems Summit gibt es scharfe Gegensätze c: UN

Das zivilgesellschaftliche Forum CSM, das im Rahmen des Komitees für Ernährungssicherheit (CFS) der Welternährungsorganisation FAO seit gut zehn Jahren eine sichtbare Präsenz von Kleinbäuer*innen, Indigenen, Fischer*innen, Landarbeiter*innen, Hirten-Gemeinden und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft organisiert, hat zu einem Gegen-Gipfel aufgerufen. Die wichtigen, auch kirchlichen entwicklungspolitischen Organisationen boykottieren das Treffen und haben dazu in Deutschland eine gemeinsame Presseerklärung herausgegeben. Über 500 Wissenschaftler*innen aus aller Welt hatten zuvor in einem gemeinsamen offenen Brief davor gewarnt, ein neues, demokratisch nicht legitimiertes Gremium einzurichten, das offensichtlich die Autorität des CFS und vor allem seines wissenschaftlichen Panels untergraben soll.

Wer dagegen die UNFSS-Sonder-Webseite der internationalen Vereinigung der Agarchemie- und Gentechnikindustrie studiert, könnte den Eindruck gewinnen, auf der Seite einer NGO gelandet zu sein: Lauter junge „dialogue curators“, die vor Überzeugung und Begeisterung nur so sprühen. Was steckt hinter diesem Streit?

Hintergrund: Das Schlachtfeld der Hungerbekämpfung

„Wir Mitglieder der menschlichen Rasse haben die Fähigkeit, die Mittel und die Kapazität, den Hunger vom Antlitz der Erde während unserer Lebenszeit zu eliminieren. Wir brauchen nur den Willen dazu.“ Seit John F. Kennedy zur Eröffnung des World Food Congress im Jahre 1963 diese einfache Wahrheit aussprach ist nahezu ein Menschenleben vergangen. Und noch immer hungern über 800 Millionen Menschen auf diesem Planeten. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren erneut gestiegen. Die Gründe hierfür sind bekannt: Krieg und Bürgerkrieg, Ignoranz von Regierungen, Gnadenlosigkeit von Unternehmen und Großgrundbesitzern, ungerechte Verteilung von Land und Wasser, Bildung, know-how und Marktzugang, falscher Einsatz vorhandener Ressourcen, mangelnder Respekt vor Menschenrechten und Naturgesetzen.

Braucht die Menschheit ein „neues Interface zwischen Wissenschaft und Politik“, um diese Gründe aus der Welt zu schaffen? Braucht sie neue Technologien und mehr Forschung, um den Hunger auf der Welt zu überwinden? Und wie steht es mit der Fehlernährung und Überernährung, die heute statistisch bereits mehr Menschen vorzeitig sterben und gesundheitlich leiden lässt als die Unterernährung?

Die Vorstellung (das „Narrativ“ wie dies heute heißt), Forschung und Technologie seien in der Lage, Defizite an Gerechtigkeit und Anstand auszugleichen, gesellschaftliches und politisches Versagen mittels technische Lösungen zu überwinden ist etwa so alt wie JFKs Erkenntnis, dass es nicht an Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen mangelt, sondern an politischem Willen. Seit die damals noch junge Welternährungsorganisation FAO erstmals dem Willen der Menschheit, eine Welt ohne Hunger zu erreichen, ein institutionelles Gesicht gab, ist die Produktion von Theorien darüber zu einem Geschäft geworden, das nahezu so viele Mittel verschlingt wie die konkrete Bekämpfung des Hungers. Ungezählte Erklärungen der jeweils Mächtigen dieser Welt zur Eliminierung des Hungers kamen und gingen ohne nennenswerte Effekte für die Betroffenen.

Das derzeit gültige Nachhaltigkeitsziel Nr.2 der Vereinten Nationen will den Hunger bis 2030 überwunden haben und gilt bereits jetzt als nicht erreichbar. Es ist klüger formuliert als seine Vorgänger und betont die Rolle der Kleinbäuerinnen und die Notwendigkeit, Ökosysteme intakt und widerstandsfähig zu halten, die kultivierte Artenvielfalt zu pflegen und zu teilen und die Auswirkungen von Welthandel und Subventionen wenigstens zu zähmen. Formuliert wurde es in einer Zeit, in der Ernährungssouveränität und Agrarökologie in den Wortschatz der FAO vorsichtig Einzug hielten und immer mehr Regierungen den Zusammenhang von Ernährung, Menschenrechten, Gesundheit und Ökologie, besonders der Klima- und Biodiversitätskrise zu akzeptieren begannen. Die Verteidigung der Rechte ländlicher Gemeinden und Gemeinschaften, von Indigenen und vor allen Dingen von Frauen wurden zu Schlüsselbegriffen der Veränderung unserer Ernährung und Gesundheit. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der Weltagrarbericht der UNO und der Weltbank, in dem über 400 Wissenschaftler*innen und praktische Expert*innen den Stand des Wissens über Landwirtschaft so kritisch zusammenfassten, das FAO und Weltbank die Ergebnisse am liebsten unterschlagen hätten.

Eine neue Bio-Revolution?

Diesem zaghaften Aufbruch weg von technischen Scheinlösungen hin zu einer integrierten und auf Selbstbestimmung und Agrarökologie fußenden Überwindung aller Formen der Mangel-, Über-, und Fehlernährung und Naturzerstörung droht derzeit ein roll-back, eine Restaurierung der alten Herrschaft von Wissenschaft und Technologie im Auftrage mächtiger Nationen, Institutionen und Unternehmen. Sie nimmt den Begriff des Ernährungssystems (food system) auf, füllt ihn jedoch mit einer neuen Botschaft: Nur mit äusserster Präzision und der Professionalität moderner IT-, Chemie- und Gentechnikunternehmen und weltumspannender Koordination und Kontrolle von Big Data kann Nachhaltigkeit im Anthropozän noch gewährleistet werden. Disruptive Innovationen und Technologien vom Fleischersatz über Drohnen-, Hochhaus- und Roboterlandwirtschaft bis hin zur Steuerung unserer Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten sind das Mindeste um der Krise Herr zu werden. Die Unausweichlichkeit einer fundamentalen Transformation unserer Ernährungssysteme wird zum Schlachtruf der Vision eines post-industriellen und wohl auch post-demokratischen Natur-, Ressourcen- und Gesundheitsmanagements.  

Der seit Übernahme der von Monsanto unangefochtene Weltmarktführer im Gentechnikbereich, die Bayer AG, nennt dies „Biorevolution“:

Die Biorevolution markiert den Beginn einer neuen Ära: Innovationen, die durch die Konvergenz von Biologie und Technologie ermöglicht werden, haben das Potenzial, unser Leben, unsere Ernährung und unsere Gesundheit signifikant zu verbessern.

Die Biorevolution hat das Potenzial unser Gesundheitswesen und die Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten grundlegend zu verändern. Doch schon heute eröffnen sich neue Möglichkeiten. Mit der neuen Plattform für Zell- und Gentherapie im Pharmabereich und innovativen Tools zur Geneditierung wie CRISPR befindet sich Bayer im Kern der Biorevolution und verfügt über große Möglichkeiten, Gesundheit und Ernährung zu verbessern.

Dieses „neue Bio“ hat im Davoser Weltwirtschaftsforum einen mächtigen Vordenker und Organisator gefunden, dessen „Bio-Innovation Dialogue Initiative“ von führenden Unternehmen in diesem Bereich im September 2018 davor warnte, nicht die gleichen Fehler wie bei der Einführung der Gentechnik zu machen.

Bayer zitiert dieses Dialog-Forum so:

Die großen Fortschritte in der Biotechnologie werden durch die Digitalisierung, die zunehmende Konnektivität und sinkende Kosten angetrieben. Sie sind eng verflochten mit einem systemischen Wandel der Art und Weise, wie Bio-Innovationen durchgeführt werden und wer daran beteiligt ist. Mikrobiom-Technologien, fortschrittliche Genomforschung, Genom-Editierung und die synthetische Biologie gehören zu den Schlüsseltechnologien mit dem Potenzial, Bio-Innovationen zu verändern. Diese breiter gefasste Neudefinition der Bio-Innovation schafft neue Perspektiven, um wichtige Ernährungs-, Umwelt- und Entwicklungsbedürfnisse zu erfüllen.

Der für September geplante Food Systems Summit der Vereinten Nationen in New York, auf den ab heute ein „Pre-Summit“ bei der FAO in Rom vorbereiten soll, ist das direkte Ergebnis des damaligen Positionspapiers.

Mehr zu dem Thema erfahren Sie auf unserer Webseite zum Weltagrarbericht.

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